Es gibt Texte, die einen nicht nur irritieren, sondern sprachlos machen – und zwar nicht wegen ihrer Argumentation, sondern wegen der publizistischen Setzung, die sie darstellen. Der jüngste SPIEGEL‑Leitartikel zur angeblichen „Tyrannei der Alten“ (SPIEGEL 26/2026 und SPIEGEL online, Link frei lesbar) gehört in diese Kategorie. Redaktionell illustriert mit einem Foto wohlhabender Senioren im Sonnenurlaub und einer Bildunterschrift von der „bestversorgten Rentnergeneration aller Zeiten“, behauptet er eine gesellschaftliche Realität, die mit dem Leben der meisten Rentnerinnen und Rentner in Deutschland kaum etwas zu tun hat.… Weiterlesen ...
Kategorie: Diskurs Seite 1 von 14
Ein Essay über Zölle, Selbstzufriedenheit und die Illusion der einfachen Antworten

Es gehört zu den Ritualen der deutschen Öffentlichkeit, dass ökonomische Entwicklungen gern in die Dramaturgie eines Katastrophenfilms gegossen werden. Selbst der SPIEGEL beherrscht dieses Genre inzwischen virtuos. „Trumps Zölle drücken den deutschen Exportüberschuss um ein Drittel“, heißt es dann, und schon steht das Bild einer bedrohten Volkswirtschaft im Raum, die unter dem Druck amerikanischer Willkür ächzt.… Weiterlesen ...
Die Diagnose, die inzwischen selbst große Medien wie der SPIEGEL stellen – der Zerfall des „Deutschland‑AG“-Modells, das Ende der Sozialpartnerschaft – trifft einen wunden Punkt. Aber sie verwechselt Ursache und Symptom.

Die Sozialpartnerschaft scheitert nicht, weil Gewerkschaften und Arbeitgeber plötzlich ideologisch verhärtet wären. Sie scheitert, weil der Staat seine Rolle als ordnende, moderierende, ausgleichende Instanz nicht mehr wahrnimmt.… Weiterlesen ...

zur GKV‑Reform und ihrem epistemischen Defizit
Visualisierung: Microsoft Copilot
Die folgenden Ausführungen basieren auf einer dts‑Agenturmeldung vom gestrigen Abend, die mir mit Sperrfrist bis heute früh 0.00 Uhr vorlag. In der Presse sind Warkens jüngste Aussagen daher noch nicht zu finden – aber sie markieren einen bemerkenswerten Wendepunkt in der Kommunikation zur GKV‑Finanzierungsreform.… Weiterlesen ...
Eine kleine Geschichte aus den 1990ern – und der Gegenwart
Es gibt Erinnerungen, die erst Jahrzehnte später ihren wahren Erkenntniswert entfalten. Eine davon kam mir kürzlich wieder in den Sinn: die Einführung der Quellensteuer Anfang der 1990er Jahre. Ein Ereignis, das heute fast vergessen ist – und doch ein erstaunlich helles Licht auf die moralischen Reflexe wirft, die unsere Debatten bis heute prägen.… Weiterlesen ...
Evidenzbasierung als Topic der GKV-Finanzierungsreform

Das Bundesgesundheitsministerium formuliert im Zusammenhang mit der aktuellen GKV-Reform ein Ziel, das lange Zeit kaum politische Wirkung entfaltet hat:
Leistungen sollen nur dann von den Krankenkassen übernommen werden, wenn ihr Nutzen wissenschaftlich nachgewiesen ist.
In der Sache ist das richtig. Und es ist überfällig.… Weiterlesen ...
(auf Basis der sehr hilfreichen Zusammenstellung im Deutschen Ärzteblatt)

Die Bundesregierung hat ihre Vorschläge zur Stabilisierung der GKV‑Finanzen vorgelegt. Das Deutsche Ärzteblatt hat die Maßnahmen dankenswerterweise in einer seltenen Klarheit zusammengeführt. Betrachtet man diese Übersicht, ergibt sich ein eindeutiges Bild der Gesamtstruktur:
- Die Mehreinnahmen sind überschaubar und überwiegend einmalig.
- Die Minderausgaben sind deutlich umfangreicher und treffen vor allem die Leistungserbringer.
Der SPIEGEL‑Artikel zur GKV‑Reform vom 16.04.2026 ist ein Beispiel dafür, wie politischer Journalismus heute häufig funktioniert – und warum das problematisch ist. Es geht nicht um einzelne Autorinnen oder Autoren, und schon gar nicht um politische Absichten. Es geht um ein journalistisches Muster, das sich in den letzten Jahren verstärkt hat: Politische Kommunikation wird zur journalistischen Erzählung, ohne analytische Gegenprüfung.… Weiterlesen ...
Die Bundesregierung hat die Energiesteuer auf Benzin und Diesel gesenkt. Für zwei Monate. Kostenpunkt: rund 1,6 Milliarden Euro.

Die RWTH Aachen hat nun ausgerechnet, was dabei herauskommt:
Die einkommensstärksten zehn Prozent sparen 21,64 Euro, die einkommensschwächsten 6,48 Euro.
Das ist nicht überraschend.
Das ist Mathematik Sekundarstufe I.… Weiterlesen ...
Erwerbstätigkeit ist kein Willens-, sondern ein Strukturproblem
Die Forderung, Frauen müssten „mehr in die Erwerbstätigkeit“, gehört inzwischen zum politischen Standardrepertoire. Sie klingt modern, pragmatisch, fast schon alternativlos.
Doch ein Blick in die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigt:
Das Problem liegt nicht bei den Frauen. Das Problem liegt im System.

Die Grafik aus dem Mikrozensus 2023 macht das mit einer fast entwaffnenden Klarheit sichtbar:
- Für die große Mehrheit von Frauen wie Männern ist eigene Erwerbstätigkeit die zentrale Lebensgrundlage.