Es gab einmal eine Zeit, in der es völlig unstrittig war, dass die Beschäftigten real am Produktivitätsfortschritt beteiligt werden müssen. Das war kein moralischer Anspruch, sondern ein ökonomisches Grundgesetz: Produktivität steigt → Reallöhne steigen → Sozialstaat stabil → Binnenwirtschaft stark.

Diese Logik war die Grundlage des deutschen Nachkriegsmodells. Sie war die ökonomische Basis des Versprechens von „Wohlstand für alle“, einer bürgerlich-konservativen Politikrichtung. Nicht „linker Ideologie“. Und sie war die ureigenste Aufgabe der Gewerkschaften: Sie verhandelten nicht über „Lohnprozente“, sondern über den Anteil der Beschäftigten an der Wertschöpfung.
Niemand stellte infrage:
Ohne Arbeit, Wissen, Organisation und gesellschaftliche Infrastruktur realisiert Kapital keine Wertschöpfung.
Kapital ist gespeicherte Arbeit. Kapitalerträge sind abgeleitete Wertschöpfung aus Arbeit. Produktivität entsteht durch menschliche Tätigkeit, Organisation, Technik, Wissen – nicht durch Geld.
Der historische Bruch: Die Ära der Lohnzurückhaltung
Mit den 1980er und 1990er Jahren kam der große Paradigmenwechsel. Die politische Erzählung lautete plötzlich:
- „Wir müssen global wettbewerbsfähig bleiben.“
- „Wir müssen Rücksicht auf die Arbeitslosen nehmen.“
- „Nur durch Lohnverzicht entstehen neue Arbeitsplätze.“
- „Wir dürfen die Unternehmen nicht überfordern.“
Die Gewerkschaften folgten diesem Ruf. Sie verzichteten auf reale Lohnsteigerungen. Sie verzichteten auf ihren Anteil am Produktivitätsfortschritt. Sie verzichteten auf die historische Logik der Wertschöpfung.
Und Prof. Heinz-Josef Bontrup hat dafür den einzig passenden Begriff geprägt:
Die Lohnzurückhaltung war die Todsünde der Gewerkschaften.
Denn sie bedeutete buchhalterisch:
Ein immer größerer Anteil am Produktivitätsgewinn fließt an die Kapitalseite.
Das ist kein Hirngespinst. Die OECD beschreibt für mehrere Länder seit Mitte der 1990er Jahre genau solche Auseinanderentwicklungen zwischen Produktivität, realem Arbeitseinkommen und Lohnquote (OECD Productivity Indicators 2024). Auch die jüngere deutsche Lohnentwicklung passt als Hintergrund: Reallöhne holen teils wieder auf, lagen aber zuletzt noch unter Vorkrisenniveaus, was die Bundesbank/OECD als Nachholeffekt einordnen (OECD Germany 2025).
Und für die Jahre, in denen die Reallöhne stagnieren – also nur gleich oder unterhalb der Inflationsrate blieben, gilt: Der Anteil des Kapitals am Produktivitätsvermögen wird maximiert.
Das ist keine Meinung. Das ist keine Ideologie. Das ist eine mathematische Identität.
Die Folgen: Löhne, die keine Löhne mehr sind
Und hier kommt die notwendige Zuspitzung:
Wenn Löhne nur noch – oder nicht einmal – um die Inflationsrate steigen, sind sie keine Löhne mehr, sondern Almosen.
Denn ein Lohn, der real nicht steigt, ist kein Anteil an der Wertschöpfung. Er ist ein Transfer, der den Beschäftigten gerade so über Wasser hält, während die Wertschöpfung woanders landet.
Ein Lohn, der nur die Inflation ausgleicht, ist ein Stillstand. Ein Lohn, der unter der Inflation bleibt, ist ein Rückschritt. Ein Lohn, der nicht am Produktivitätsfortschritt teilhat, ist ein Almosen. Und wenn die Gewerkschaften nur noch um einen Inflationsausgleich verhandeln, betteln sie um solche.
Und genau das ist über Jahre passiert.
Die politische Verdrängung: Ein Tabu entsteht
Warum spricht niemand darüber?
Weil diese Wahrheit die Systemfrage stellt:
- Warum tragen Kapitaleinkünfte kaum zur Finanzierung des Sozialstaats bei?
- Warum werden Gewinne steuerlich privilegiert?
- Warum wird Kapitalertrag pauschal niedrig besteuert?
- Warum wird Arbeit belastet und Kapital geschont?
- Warum wird Produktivität privatisiert und Sozialstaat verknappt?
Diese Fragen sind politisch explosiv. Sie greifen die Architektur der Einkommens- und Vermögensverteilung an. Sie greifen die Macht der Kapitalseite an. Sie greifen die Narrative der letzten 40 Jahre an.
Deshalb schweigt die SPD. Deshalb eiert die Linke. Deshalb darf man sich vom Wirtschaftsexperten Friedrich Merz sagen lassen, wir lebten „über unsere Verhältnisse“ und müssten „den Gürtel enger schnallen“. Um Heiner Flassbeck sinngemäß zu zitieren: Mit Löhnen unterhalb des Produktivitätszuwachses kann man gar nicht „über seine Verhältnisse leben“.
Es ist eine bemerkenswerte rhetorische Operation: Diejenigen, die real verlieren, sollen sich schuldig fühlen, während diejenigen, die real gewinnen, sich als „Leistungsträger“ inszenieren.
Die große Selbsttäuschung bei den Lohnabhängigen
Und aus noch einem anderen Grund ist die Verteilungsfrage so schwer zu stellen. Denn viele abhängig Beschäftigte verteidigen ausgerechnet jene Strukturen, die ihm schaden.
Über Jahrzehnte ist ein Bewusstsein entstanden, dass dazu führt, dass er glaubt: Kapital müsse geschützt werden. Steuern auf Kapital träfen ihn. Und der Staat wolle ihm „die paar Zinsen“ wegnehmen.
Er denkt bei Kapitalbesteuerung nicht an Vermögende, sondern an sein Sparbuch. Er glaubt, er sei Anleger – dabei ist er Sparer. Er glaubt, er müsse Kapital verteidigen – dabei lebt er von Arbeit.
Das ist die große Ironie der deutschen Verteilungsdebatte:
Diejenigen, die am meisten verlieren, verteidigen die Strukturen, die sie verlieren lassen.
Deutschland im Spätstadium eines modifizierten Thatcherismus
Wir leben nicht in den sozialen Verwüstungen des Thatcherismus der 1980er Jahre, die ich im Vereinigten Königreich mit eigenen Augen gesehen habe. Hierzulande ist alles gesitteter, geordneter, institutionell halbwegs abgefedert (mit sinkender Tendenz). Aber die Logik ist dieselbe:
- Produktivität wird privatisiert.
- Löhne stagnieren.
- Sozialstaat wird verknappt.
- Kapital wird geschont.
- Arbeit wird belastet.
- Verteilung wird tabuisiert.
Es ist ein modifizierter Thatcherismus, der (noch?) nicht das Straßenbild prägt, aber die Verteilungsfrage systematisch verdrängt.
Und genau deshalb ist es so wichtig, den Mechanismus immer wieder klar zu benennen.
Aus besonderem Anlass sei hinzugefügt: Wer glaubt, die AfD werde auch nur das Geringste an alledem ändern, täuscht sich doppelt und dreifach.
I rest my case.
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