Ein Essay über Zölle, Selbstzufriedenheit und die Illusion der einfachen Antworten

Es gehört zu den Ritualen der deutschen Öffentlichkeit, dass ökonomische Entwicklungen gern in die Dramaturgie eines Katastrophenfilms gegossen werden. Selbst der SPIEGEL beherrscht dieses Genre inzwischen virtuos. „Trumps Zölle drücken den deutschen Exportüberschuss um ein Drittel“, heißt es dann, und schon steht das Bild einer bedrohten Volkswirtschaft im Raum, die unter dem Druck amerikanischer Willkür ächzt. Die Botschaft ist klar: Hier geschieht etwas Großes, Gefährliches, womöglich Existenzielles.
Nur: Die Wirklichkeit ist komplizierter. Und weniger dramatisch. Und vor allem: Sie ist nicht binär. Ökonomie funktioniert nicht nach dem Prinzip eines Waschmaschinenprogramms, bei dem man „Zoll rein, Krise raus“ drücken kann.
Deutschland hat seit Jahrzehnten ein strukturelles Problem, das in der öffentlichen Debatte erstaunlich selten vorkommt: Wir exportieren zu viel und investieren zu wenig im Inland. Ein sinkender Exportüberschuss ist deshalb nicht automatisch ein Alarmsignal, sondern kann ein Zeichen dafür sein, dass sich eine überdehnte Struktur normalisiert. Weniger Abhängigkeit von US‑Nachfrage, weniger Kapitalexport in Form von US‑Staatsanleihen, mehr potenzielle Binneninvestition – das ist nicht der Untergang des Abendlandes, sondern eine Korrektur, die man mit etwas Mut sogar gestalten könnte.
Doch Mut ist in der deutschen Wirtschaftspolitik ein knappes Gut. Man hält am Exportmantra fest wie an einer vertrauten Melodie, die man nicht mehr hinterfragt. Dabei wäre es mit den richtigen Anreizen problemlos möglich, die wegfallende Nachfrage in den Binnenmarkt zu lenken: durch Investitionen in Infrastruktur, durch eine Stärkung der Kaufkraft, durch eine Modernisierung der Verwaltung, durch eine ernsthafte Digitalstrategie. Aber all das bleibt Stückwerk, weil man sich lieber an der alten Gewissheit festhält, dass die Welt schon weiterhin deutsche Produkte kaufen wird.
Ein Blick nach Detroit zeigt, wohin solche Gewissheiten führen können. Die Ruinen der einst größten Autowerke der Welt sind kein Naturereignis, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Selbstzufriedenheit. Die US‑Autoindustrie verlor den Anschluss, weil sie Innovation verweigerte, Qualitätsstandards ignorierte, Effizienz verschlief und sich für unersetzlich hielt. Deutschland macht heute denselben Fehler – nur mit anderen Vorzeichen. Wir bauen die besten Verbrenner der Welt, und das stimmt sogar. Aber es ist eine Falle. Denn während wir uns selbst für unsere Ingenieurskunst feiern, verschlafen wir die Elektromobilität immer noch. Die Parallele zu Detroit ist unübersehbar.
Dabei ist das Kräfteverhältnis zwischen den USA und Deutschland in einem Punkt eindeutig: Die USA können deutsche Maschinen nicht ersetzen, Deutschland aber kann US‑Autos problemlos ersetzen. Der deutsche Markt nimmt sie nicht, weil sie qualitativ, technisch und im Verbrauch nicht mithalten. Das ist keine politische Entscheidung, sondern schlichte Marktlogik. Und genau deshalb ist der Hype um 15 Prozent Einfuhrzoll ökonomisch weitgehend substanzlos. Er eignet sich hervorragend für Schlagzeilen, aber er verändert die Realität kaum.
Die eigentliche Asymmetrie liegt ganz woanders: in der digitalen Wertschöpfung. Während wir uns über Zölle ereifern, zahlen die großen US‑Techkonzerne in der EU seit Jahren effektiv kaum Steuern. Würde man das endlich ändern, wären Trumps Zölle mehrfach überkompensiert. Und mehr noch: Eine echte Besteuerung würde den Innovationsdruck erzeugen, den Europa dringend braucht, um digitale Autonomie zu entwickeln. Stattdessen verteidigen wir eine Industrie des 20. Jahrhunderts und lassen die Industrie des 21. Jahrhunderts steuerfrei durchmarschieren. Das ist der eigentliche Skandal.
Ökonomie ist komplex. Und das ist gut so. Wer sie wie ein Waschmaschinenprogramm behandelt, bekommt am Ende nur zwei Knöpfe: gut oder schlecht. Aber die Welt ist nicht binär. Sie ist strukturell, historisch, politisch, technologisch – und voller Chancen, wenn man sie sehen will. Deutschland könnte aus Detroit lernen. Deutschland könnte die Elektromobilität ernst nehmen. Deutschland könnte die Tech‑Konzerne besteuern. Deutschland könnte seinen Binnenmarkt stärken.
Man müsste es nur wollen.
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