Ein Kommentar

Screenshot: FAZ Meinungsnewsletter, 04.09.2025

Manchmal entfernt sich die publizistische Wirklichkeit von der ökonomischen Realität so weit, dass man sich fragt, ob beide überhaupt noch denselben Gegenstand betrachten. Die jüngsten FAZ‑Texte über Volkswagen gehören in diese Kategorie. Schon gestern wurde der Konzern in einem Kommentar als Musterbeispiel dafür präsentiert, wie Deutschland sich „zum Wandel aufraffen“ könne – eine bemerkenswerte Überhöhung, die den nüchternen Befund der Lage weit hinter sich ließ. Heute nun folgt die Steigerung: „Das Wunder von Wolfsburg“.

Screenshot: FAZ-Meinungsnewsletter, 05.09.2026

Spätestens an diesem Punkt ist klar, dass hier nicht berichtet, sondern beschworen wird. Die FAZ inszeniert eine Erweckungsgeschichte: Ein epochaler Konflikt sei abgewendet, das „müde Industrieland Deutschland“ könne sich nun doch regenerieren, und Volkswagen werde zum nationalen Exempel. Das ist publizistisch eindrucksvoll – und analytisch unhaltbar.

Denn die Realität sieht anders aus. Volkswagen befindet sich nicht in einer Phase des Aufbruchs, sondern in einer Phase des Rückzugs. Der Konzern verliert Märkte, verliert technologische Führung, verliert Softwarekompetenz, verliert Kapital für Transformation und vor allem: Er verliert Zeit. Ein Unternehmen, das bis zu 50.000 Stellen abbauen will, ohne ein neues Marktkonzept für bezahlbare E‑Mobilität vorzulegen, bewältigt keine Krise. Es verwaltet sie. Bestenfalls.

Bemerkenswert ist dabei, dass die FAZ selbst gestern festhielt, Volkswagen habe bereits „zehntausende Stellen abgebaut“, ohne dass es zum symbolträchtigen Schließen ganzer Werke gekommen sei. Heute jedoch wird der geplante Abbau von bis zu fünfzigtausend weiteren Arbeitsplätzen – und der mögliche Bruch des Tabus der Werkschließungen – als „Wunder von Wolfsburg“ gerahmt. Das ist nicht nur eine publizistische Überhöhung, sondern eine Form kognitiver Dissonanz: Eine Verschärfung der Krise wird zur Erzählung ihrer Bewältigung umgedeutet.

Dass die FAZ diese Schrumpfung gestern als „Sanierung“ und heute als „Wunder“ rahmt, ist kein Zufall. Es folgt einem publizistischen Muster, das sich in Teilen der deutschen Wirtschaftspresse beobachten lässt: Wenn die strukturelle Diagnose zu unbequem wird, wird die Krise umgedeutet. Aus strategischem Versagen wird „Neuausrichtung“. Aus Marktverlust wird „Erneuerung“. Aus industriepolitischer Trägheit wird „Wandel“. Und aus einem Konzern, der den Anschluss an die E‑Mobilität verpasst hat, wird ein Symbol nationaler Selbstvergewisserung.

Dabei liegen die Ursachen des Niedergangs offen zutage. Der Dieselskandal hat nicht nur Milliarden gekostet, sondern die strategische Aufmerksamkeit des Konzerns jahrelang gebunden und seine Reputation auch bei den heimischen Kunden geschwächt. Die Fehleinschätzung der E‑Mobilität war kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck einer Kultur, die den Verbrenner als Identitätskern verstand. Und der Einfluss der Eigentümerfamilien hat eine Renditelogik zementiert, die Transformation nur akzeptiert, wenn sie garantiert profitabel ist. Porsche wurde aus der E‑Mobilität nicht zufällig wieder herausgedrängt; es war Ausdruck dieser Haltung.

All das blendet die FAZ aus. Stattdessen wird ein nationales Narrativ angeboten, das mit der industriellen Wirklichkeit wenig zu tun hat. Die Frage, ob Deutschland sich „zum Wandel aufraffen“ könne, ist in diesem Kontext fast ironisch: Wandel setzt voraus, dass man die Ursachen der Krise erkennt. Wer aber ein Schrumpfungsprogramm zum „Wunder“ erklärt, verwechselt Erzählung mit Analyse.

Am Ende bleibt ein einfacher Befund: Narrative ersetzen keine Strategie. Ein „Wunder“ entsteht nicht dadurch, dass man eine Krise umdeutet, sondern dadurch, dass man ihre Ursachen erkennt und bearbeitet. Wer Schrumpfung als Erneuerung verkauft, verwechselt publizistische Hoffnung mit industrieller Wirklichkeit. Und genau darin liegt die eigentliche Lehre aus Wolfsburg: Nicht, dass Deutschland sich „zum Wandel aufraffen“ könne, sondern dass es ihn erst dann schafft, wenn es aufhört, ihn herbeizuschreiben.