Es gehört zu den hartnäckigsten politischen Erzählungen der letzten Zeit, dass Sachsen‑Anhalt „abgehängt“ sei: übersehen, vergessen, materiell benachteiligt. Ein Land, das angeblich aus wirtschaftlicher Not heraus politisch nach rechts driftet. Doch diese Diagnose hält einer nüchternen Prüfung nicht stand. Die Fakten zeigen ein anderes Bild – und sie zeigen, dass die aktuellen Erfolge der AfD nicht aus Armut und materiellem Prekariat entstanden sind, sondern aus einem jahrzehntelang gewachsenen sozialen Spannungsfeld, das mit ökonomischen Kategorien kaum zu fassen ist.

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I. Sachsen‑Anhalt ist materiell nicht abgehängt

Sachsen‑Anhalt hat seit 1990 Aufbauleistungen in hoher zweistelliger Milliardenhöhe erhalten: Altlastenbeseitigung, kommunale Sanierung, Infrastrukturprogramme, Transfers aus Solidarpakt I und II. Hinzu kommen die nicht beitragsadäquaten Ausgleichsleistungen im Sozialversicherungssystem, insbesondere bei den Renten. Die Arbeitslosenquote liegt heute bei rund acht Prozent (Bundesdurchschnitt derzeit bei 6,6 Prozent) und damit weit unter den Zahlen der 1990er und frühen 2000er Umbruchjahre. Die durchschnittlichen Bruttojahresverdienste und die Renten haben sich dem westdeutschen Niveau deutlich angenähert, und die Wirtschaftsstruktur ist breit und stabil. Industrie, Logistik, Dienstleistungen und Handwerk tragen gemeinsam. Von struktureller materieller Deprivation auf breiter Front kann empirisch keine Rede sein. Das Bild des „abgehängten kleinen Bundeslandes im Osten“ ist politisch wirksam, aber statistisch nicht gedeckt. Es erklärt die AfD‑Erfolge nicht.

II. Die AfD profitiert nicht von Armut, sondern von demografischer und kultureller Schieflage

Wer verstehen will, warum die AfD dennoch so stark ist, muss anders ansetzen. Sachsen‑Anhalt ist das Bundesland Deutschlands mit dem höchsten Durchschnittsalter (48,5 Jahre). Die Bevölkerung ist über Jahrzehnte geschrumpft und überaltert. Seit den 1990er Jahren sind überproportional jene abgewandert, die mobil, bildungsorientiert, institutionenvertrauend und kulturell offen waren. Geblieben sind überproportional jene, die weniger mobil sind, stärker politikentfremdet, konfliktscheu und skeptisch gegenüber gesellschaftlicher Veränderung. Diese selektive Abwanderung hat ein soziales Klima erzeugt, das sich selbst verstärkt: hohe soziale Kontrolle, geringe Offenheit, ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Homogenität und eine Neigung zu externalisierenden Schuldzuweisungen. Die AfD trifft hier auf ein Resonanzfeld, das nicht ökonomisch, sondern kulturell und demografisch geprägt ist.

III. Das soziologische Spannungsfeld ist das Ergebnis von 30 Jahren selektiver Abwanderung

Viele Menschen, die Sachsen‑Anhalt verlassen haben, beschreiben ihr Geburtsland als landschaftlich schön, infrastrukturell gut entwickelt – aber sozial angespannt. In persönlichen Berichten wird ein Umfeld geschildert, das als eng, vorurteilsbehaftet, dauerhaft unzufrieden und konfliktscheu erlebt wurde. Ein Milieu, in dem man schnell zum „Anderen“ wird, dem diffuse Schuld zugeschrieben wird. Diese Stimmen sind keine Anekdoten, sondern Ausdruck einer strukturellen Dynamik: Die Abwanderung der „Offenen“ und „Unaufgeregten“ hat die sozialen Milieus verschoben. Was bleibt, ist ein Spannungsfeld aus demografischer Überalterung, kultureller Homogenität und politischer Entfremdung. Die AfD profitiert nicht von materieller Not, sondern von einem jahrzehntelang gewachsenen sozialen Klima.

IV. Miniatur: Rückkehr in die Eindeutigkeit

Manchmal erzählen einzelne Biografien mehr über ein Land als ganze Statistiken (wenn es mir auch fernliegt, anekdotisch argumentieren zu wollen). Ich kannte vor Jahren ein junges Paar, er hier aus meiner Heimatstadt, sie in jungen Jahren wegen eines Ausbildungsplatzes in den Westen zugezogen. So weit so normal – eine junge Frau, die in den Westen kam, um eine Lehre zu beginnen, und der man hier tatsächlich einen roten Teppich ausrollte: eine schöne Wohnung, ein verlässlicher Partner, ein Umfeld, das ihr Raum gab. Doch sie konnte mit diesem Raum nichts anfangen. Sie blieb verschlossen, tat wenig, sprach wenig, wirkte wie jemand, der in der Freiheit nicht Halt, sondern Überforderung findet. Eines Tages teilte sie wortkarg mit, sie werde wieder nach Halle ziehen. Ultimativ, ohne Gespräch, ohne Erklärung. Und weg war sie.

Ihr Vater war ein anderer Typus – und doch Teil derselben Struktur. Ein Mann, der nach der Wende materiell erfolgreich wurde, aber innerlich nie angekommen ist. Ein ehemaliger Stasi-Offizier, der Dominanz als Kommunikationsstil pflegte, der jedem über den Mund fuhr, der Unzufriedenheit ausstrahlte wie andere Körperwärme. Beide Figuren stehen für ein Milieu, das Konflikt scheut oder kontrolliert, Offenheit als Zumutung empfindet und Ambiguität nicht aushält. Ein Milieu, das durch selektive Abwanderung stabilisiert wurde: Die Offenen gingen, die Geschlossenen blieben – und manche kehrten sogar zurück, weil ihnen die Freiheit zu viel und die Eindeutigkeit zu wenig war.

V. Marcant: Die Mikroebene eines geschlossenen Milieus

Wer diese Struktur verstehen will, muss auch die Mikroebene betrachten. Ein ungewöhnlich klarer Blick darauf kommt von einem jungen Mann, der sich „Marcant“ nennt und auf Instagram und TikTok inzwischen eine beachtliche Reichweite hat. Für jene, die diese Plattformen nicht nutzen: Marcant besucht AfD‑Veranstaltungen, mischt sich unter die Besucher und stellt ihnen einfache, sachliche Fragen. Keine Provokationen, keine Fallen, keine rhetorischen Tricks. Er fragt: Warum sind Sie hier? Was motiviert Sie? Was erhoffen Sie sich?

Was dann geschieht, ist bemerkenswert – und erschütternd. Die Antworten, die Marcant erhält, sind in der Regel keine Antworten. Sie sind Abwehrreflexe. Ressentiment. Misstrauen. Ausweichbewegungen. Verdächtigungen. Oft schon im ersten Satz. Die Befragten wirken, als seien sie nicht in der Lage, eine Frage als Frage zu erkennen. Sie hören nicht: „Ich möchte verstehen, was Sie bewegt.“ Sie hören: „Der will mir etwas.“ Und darauf reagieren sie mit einer Mischung aus Verschlossenheit, Aggression und Abwehr.

Marcant zeigt damit etwas, das in der politischen Soziologie seit Jahren beschrieben wird: In geschlossenen Milieus ist Kommunikation kein Austausch, sondern ein Verteidigungsakt. Fragen gelten nicht als Einladung, sondern als Angriff. Interesse gilt nicht als Interesse, sondern als Manipulationsversuch. Sachlichkeit gilt nicht als Sachlichkeit, sondern als Feindseligkeit. Diese Kommunikationsstruktur ist kein individuelles Problem, sondern ein kollektives Muster, das aus den Faktoren entsteht, die dieses Land seit Jahrzehnten prägen: autoritäre DDR‑Sozialisation, biografische Brüche nach 1990, selektive Abwanderung der Offenen, Überalterung, kulturelle Homogenität, tief sitzendes institutionelles Misstrauen.

Damit bestätigt Marcant auf der Mikroebene, was die Statistik auf der Makroebene zeigt: Die AfD ist nicht stark, weil die Menschen materiell abgehängt wären, sondern weil sie in einem sozialen Klima leben, in dem Offenheit als Bedrohung gilt und Dialog als Angriff. Markants Videos sind deshalb kein politisches Entertainment, sondern ein empirisches Dokument. Sie zeigen, wie ein Milieu spricht, das sich selbst verschlossen hat – und warum eine Partei, die Eindeutigkeit, Schuldzuweisung und Abwehr verspricht, dort so erfolgreich ist.

VI. Was man hätte tun müssen – und warum das Gegenteil geschieht

Wenn man diese soziale Struktur ernst nimmt, ergibt sich eine klare politische Aufgabe: Man hätte viel stärker auf Demokratieschulung, gesellschaftliche Bildung und regionale Integrationsbemühungen setzen müssen. Auch auf mehr politische Präsenz über regionale Vertreter hinaus. Nicht als moralisches Projekt, sondern als nüchterne Antwort auf ein Milieu, das über Jahrzehnte kommunikativ verengt, demografisch überaltert und kulturell homogenisiert wurde. Gerade in Regionen, in denen Fragen als Angriff und Dialog als Bedrohung wahrgenommen werden, ist Demokratieschulung kein Luxus, sondern eine Schutzmaßnahme gegen politische Radikalisierung. Gesellschaftliche Bildung bedeutet nicht mehr Unterricht, sondern lokale Diskursräume, Begegnungsorte, zivilgesellschaftliche Projekte, generationenübergreifende Initiativen, kulturelle Öffnung. Regionale Integrationsbemühungen heißen nicht migrationspolitische Maßnahmen, sondern Rückkehrerprogramme für junge Menschen, Stärkung urbaner Zentren, Förderung von Vereinen, Kultur und Jugendprojekten.

Doch während die AfD in diesen Milieus weiter wächst, ist die Bundesregierung dabei, zivilgesellschaftliche Demokratieprojekte auszubluten. Förderlinien werden gekürzt, Programme nicht verlängert, Träger in Unsicherheit gelassen. Projekte, die genau jene kommunikative Öffnung leisten könnten, die dieses Land bräuchte, verlieren ihre Basis. Das ist nicht nur ein politischer Fehler. Es ist ein struktureller Fehler, der die AfD stärkt, weil er die geschlossenen Milieus weiter sich selbst überlässt.

VII. Schluss: Die gefährlichste Form der Blindheit

Das Verrückte – und politisch Gefährliche – an der „Übernahme von AfD‑Themen“ ist ihre Oberflächlichkeit. Sie wirkt wie ein Entgegenkommen, wie ein empathisches Aufgreifen von Sorgen, wie ein Versuch, „die Menschen abzuholen“. Doch in Wahrheit ist sie ein Missverständnis. Denn sie adressiert nicht die Tiefenschicht des Problems, sondern bestätigt die Fehlwahrnehmung eines Milieus, das sich längst von der offenen Gesellschaft abgewandt hat. Die Regierung übernimmt Symptome, wo Ursachen liegen. Und sie übernimmt Narrative, wo Strukturen wirken.

Die AfD lebt nicht von ihren Themen. Sie lebt davon, dass andere ihre Themen als real anerkennen. Wer „Abgehängtheit“ behauptet, wo keine ist, wer „Überfremdung“ diskutiert, wo soziale Enge das Problem ist, wer „Kontrollverlust“ beschwört, wo institutionelles Misstrauen die Ursache ist, der stärkt nicht die Demokratie, sondern die Milieus, die sich von ihr entfernt haben. Die Übernahme der AfD‑Narrative ist kein Gegenmittel, sondern ein Verstärker.

Man sieht die Folgen inzwischen offen. Wenn ein Innenminister rechtskräftige Gerichtsurteile ignoriert, weil er sich in einem politischen Klima bewegt, das von AfD‑Narrativen strukturiert ist, dann ist eine Grenze überschritten. Das ist nicht nur ein politischer Fehler, sondern ein institutioneller Dammbruch. Es ist der Moment, in dem die AfD nicht nur Themen setzt, sondern Standards verschiebt – nicht durch Macht, sondern durch Nachahmung. Der Rechtsstaat wird zum Mittel politischer Opportunität. Genau das ist die Logik, die die AfD verfolgt. Und genau das ist die Logik, die man ihr niemals hätte überlassen dürfen.

Dass dieses Klima nicht erst mit der AfD entstanden ist, zeigen die Berichte der früh Abgewanderten. Magdeburg war schon lange vor dem Aufstieg der AfD nachts eine No‑Go‑Area in vielen Vierteln. Nicht nur für Frauen. Jugendliche Schlägertrupps, die auf eine Gelegenheit zur Provokation warteten, waren Alltag. Das ist kein politisches Phänomen, sondern ein sozialpsychologisches: fehlende Konfliktfähigkeit, fehlende Ambiguitätstoleranz, fehlende Selbstwirksamkeit, fehlende Bindung an Institutionen. Die AfD hat dieses Klima nicht geschaffen. Sie hat es gefunden. Und sie hat es politisch aktiviert.

Die gefährlichste Form der Blindheit besteht darin, ein tiefes soziologisches Problem mit oberflächlichen politischen Mitteln lösen zu wollen. Die Übernahme der AfD‑Narrative ist genau das: ein Versuch, ein Milieu zu beruhigen, das nicht beruhigt werden will, sondern bestätigt. Ein Versuch, ein Problem zu adressieren, das nicht in den Themen liegt, sondern in den Strukturen. Ein Versuch, eine Partei zu bekämpfen, indem man ihr die Deutungshoheit schenkt.

Die AfD ist nicht stark, weil man ihre Themen ignoriert hat. Sie ist stark, weil man ihre Themen übernommen hat. Und damit die Milieus bestätigt hat, die sie tragen.


Die AfD lebt nicht von politischen Visionen. Sie lebt davon, dass es Milieus gibt, die sich über Jahrzehnte soziokulturell verengt haben: kommunikativ defensiv, institutionell misstrauisch, demografisch überaltert, kulturell homogenisiert. Diese Milieus sind nicht „abgehängt“, sondern depriviert — nicht materiell, sondern sozialpsychologisch. Die AfD nutzt diese Räume, sie aktiviert sie, sie bestätigt sie. Sie muss nichts gestalten. Sie muss nur vorhandene Strukturen politisch verwerten.