Manchmal braucht es beim Nachdenken eine kleine Lockerung der Synapsen.
Bei mir war es diesmal eine alte Folge von Einer wird gewinnen mit Hans‑Joachim Kulenkampff, die mir auf YouTube begegnete. Eine Sendung aus dem Jahr 1968 — jenem Jahr, in dem ich meinen Realschulabschluss machte, bei der Stadt Essen in die Verwaltungslehre ging, zeitgleich das Abitur nachholte und schließlich ins Studium wechselte. Eine Zeit, die in der Erinnerung klar verortet ist und doch inzwischen wirkt wie ein anderes Erdzeitalter.

Kulenkampff war der Moderator, dem man alles verzieh.
Er bewegte sich mit einer Leichtigkeit durch die Sendung, die heute kaum noch vorstellbar ist. Vieles, was er sagte, würde heute sofort Empörung auslösen — aber das ist nicht der Punkt. Interessant ist, wie selbstverständlich damals ein bestimmter Ton, ein bestimmtes Wissen, eine bestimmte Haltung war.
Die Schlussfrage der Sendung lautete:
Unter welchem Pseudonym ist der Schriftsteller Marie-Henri Beyle bekannt?
Heute wäre das eine Millionenfrage. Na, hätten sie’s gewusst?
Der Hauptgewinner ging mit einem Koffer nach Hause, in dem der unfassbare Hauptgewinn von 4.000 DM lag.
Die unterlegenen Kandidaten bekamen eine Kassette mit Goldmünzen — offensichtlich weniger wert als der Hauptgewinn, damals.
Und Kulenkampff erwähnte ganz nebenbei den damals aktuellen Goldpreis: 56 Dollar pro Unze. (Btw: Er liegt heute, 16.04.2026, bei rd. 4.700 USD / Unze.)
Es wirkt wie aus einer anderen Welt.
Und doch ist es nicht einmal ein Menschenleben her.
Ich verfalle dabei nicht in Nostalgie. Ich habe schlicht Freude daran, solche Momente wiederzufinden und meine eigenen Lebensereignisse in Relation zu diesen kulturellen Markierungen zu setzen. Nicht, um zurückzuschauen, sondern um zu sehen, wie sich Zeiträume öffnen, wie sich Fäden kreuzen, wie viel in einem einzigen Leben Platz hat.
Vielleicht liegt es daran, dass ich in den letzten Monaten ohnehin viel über Herkunft, Zugehörigkeit und die Linien nachgedacht habe, die sich durch ein Leben ziehen.
Durch die Heirat einer Cousine meiner Frau bin ich plötzlich Teil eines norwegischen Verwandtschaftsnetzes, das sich durch halb Skandinavien zieht — und gleichzeitig sitze ich hier und schaue eine Kulenkampff‑Sendung aus dem Jahr 1968, in dem ich meinen eigenen Weg begann.
Zwei völlig verschiedene Welten.
Und doch gehören sie beide zu meinem Koordinatensystem.
Es ist keine Nostalgie, keine Sentimentalität, nichts Schmerzliches.
Es ist Freude an Relationen — und daran, dass die eigene Lebenslinie sich immer wieder neu verorten lässt.
Andreas Lichte
„Unter welchem Pseudonym ist der Schriftsteller Marie-Henri Beyle bekannt? … Na, hätten sie’s gewusst?“
Wer schon mal in Florenz war, muss das wissen!
Und wissen Sie warum?
Udoessen999
Ich habe tatsächlich mal miterlebt, wie eine Dame mittleren Alters in den Uffizien Schnappatmung bekam und fast umkippte – beginnendes Stendhal-Syndrom …
Andreas Lichte
„Stendhal-Syndrom“ ist natürlich richtig aufgelöst –
hatte ich im eigentlichen Sinne nie, war aber zutiefst von Florenz beeindruckt –
zu allererst vom „Grossen Ganzen“: fast das gesamte centro storico ist ja erhalten – und nicht überrestauriert, wie man das gewöhnlich in Deutschland macht.
Jetzt aber noch ein „persönliches“ Quiz, ein Bild, auf das ich zufällig stieß, und der Versuch, den Eindruck – irgendwie – in Worte zu fassen:
–
Zeit für ein Wunder
In den Achtziger Jahren habe ich endlose Spaziergänge in Florenz gemacht …
und dann oft gedacht:
„Zeit für ein Wunder!“
dann bin ich in die Kirche direkt hinter dem Ponte Vecchio gegangen. Wenn man reinkam, war da rechts ein Raum im Raum …
Zu sehen war da fast nichts. Es war ganz schön dunkel.
Aber es gab einen Lichtschalter. Und wenn man den drückte, dann war da das Wunder:
Pontormo.
Das Altarbild, das Pasolini in seinem Film nachbaut.
–
ziemlich viele Hinweise, würde ich sagen …