Manchmal braucht es beim Nachdenken eine kleine Lockerung der Synapsen.
Bei mir war es diesmal eine alte Folge von Einer wird gewinnen mit Hans‑Joachim Kulenkampff, die mir auf YouTube begegnete. Eine Sendung aus dem Jahr 1968 — jenem Jahr, in dem ich meinen Realschulabschluss machte, bei der Stadt Essen in die Verwaltungslehre ging, zeitgleich das Abitur nachholte und schließlich ins Studium wechselte. Eine Zeit, die in der Erinnerung klar verortet ist und doch inzwischen wirkt wie ein anderes Erdzeitalter.

Kuli, wie er leibte und lebte – Mai 1968 (Screenshot ARD / Youtube)

Kulenkampff war der Moderator, dem man alles verzieh.
Er bewegte sich mit einer Leichtigkeit durch die Sendung, die heute kaum noch vorstellbar ist. Vieles, was er sagte, würde heute sofort Empörung auslösen — aber das ist nicht der Punkt. Interessant ist, wie selbstverständlich damals ein bestimmter Ton, ein bestimmtes Wissen, eine bestimmte Haltung war.

Die Schlussfrage der Sendung lautete:
Wie lautet der bürgerliche Name von Stendhal?
Heute wäre das eine Millionenfrage.

Der Hauptgewinner ging mit einem Koffer nach Hause, in dem der unfassbare Hauptgewinn von 4.000 DM lag.
Die unterlegenen Kandidaten bekamen eine Kassette mit Goldmünzen — offensichtlich weniger wert damals.
Und Kulenkampff erwähnte ganz nebenbei den damals aktuellen Goldpreis: 56 Dollar pro Unze.

Es wirkt wie aus einer anderen Welt.
Und doch ist es nicht einmal ein Menschenleben her.

Ich verfalle dabei nicht in Nostalgie. Ich habe schlicht Freude daran, solche Momente wiederzufinden und meine eigenen Lebensereignisse in Relation zu diesen kulturellen Markierungen zu setzen. Nicht, um zurückzuschauen, sondern um zu sehen, wie sich Zeiträume öffnen, wie sich Fäden kreuzen, wie viel in einem einzigen Leben Platz hat.

Vielleicht liegt es daran, dass ich in den letzten Monaten ohnehin viel über Herkunft, Zugehörigkeit und die Linien nachgedacht habe, die sich durch ein Leben ziehen.
Durch die Heirat einer Cousine meiner Frau bin ich plötzlich Teil eines norwegischen Verwandtschaftsnetzes, das sich durch halb Skandinavien zieht — und gleichzeitig sitze ich hier und schaue eine Kulenkampff‑Sendung aus dem Jahr 1968, in dem ich meinen eigenen Weg begann.

Zwei völlig verschiedene Welten.
Und doch gehören sie beide zu meinem Koordinatensystem.

Es ist keine Nostalgie, keine Sentimentalität, nichts Schmerzliches.
Es ist Freude an Relationen — und daran, dass die eigene Lebenslinie sich immer wieder neu verorten lässt.