oder: Die Schulkantine als Volkswirtschaftsmodell

Es gibt Momente, in denen man sich fragt, ob wir in Deutschland eigentlich aus irgendetwas lernen. Aus Krisen, aus Fehlsteuerungen, aus historischen Erfahrungen. Oder ob wir – wie ein Uhrwerk – immer wieder in dieselben Muster zurückfallen.
Ich habe das einmal im Kleinen erlebt. Und seitdem wundere ich mich über gar nichts mehr.
Die Schulkantine und die große Lehre
In den frühen Achtzigern hatte meine Dienstherrin ein großes Schulzentrum gebaut. Mit allem, was damals modern war: gigantische Küche, top ausgestattete Mensa, Prestigeprojekt. Und wie das so ist mit Prestigeprojekten: Sie müssen funktionieren, auf Teufel komm raus.
Also subventionierte die Stadt die Essenspreise großzügig.
Nur: Das Zentrum lag im Schnittpunkt mehrerer sozialer Brennpunkte.
Die Nachfrage war volatil, die Kosten hoch, die Strukturen fragil.
Bald rutschte die Küche trotz Zuschuss in die roten Zahlen.
Die Reaktion?
Preise erhöhen.
Die Folge?
Weniger Essensteilnehmer.
Die nächste Reaktion?
Preise nochmal erhöhen.
Die nächste Folge?
Noch weniger Essensteilnehmer.
Als die dritte Preiserhöhung beschlossen werden sollte, habe ich die Vorlage angehalten. Weil klar war: Das System zerstört sich gerade selbst. Geholfen hat es nicht viel.
Es war die reine Austeritätsspirale – im Miniaturformat.
Heute: dieselbe Spirale, nur mit Milliarden
Wenn ich heute auf die politische Landschaft schaue, erkenne ich exakt dieselbe Logik:
- Die Binnenkonjunktur schwächelt → Sparen
- Sparen → Nachfrage sinkt
- Nachfrage sinkt → Konjunktur bleibt schwach
- Konjunktur bleibt schwach → noch mehr Sparen
Und dann wundert man sich, dass die Wirtschaft nicht anspringt.
Es ist wie die Schulkantine, nur größer, teurer und mit mehr Pathos.
Die Schuldenbremse: Moral statt Ökonomie
Peer Steinbrück sagte einmal, die Schuldenbremse sei dazu da, „die Politiker am Geldausgeben zu hindern“. Das ist bemerkenswert, weil es den Kern des Problems offenlegt:
Die Schuldenbremse ist kein ökonomisches Instrument. Sie ist ein moralisches Projekt.
Sie basiert auf der Vorstellung:
- Sparen = gut
- Schulden = schlecht
- Investitionen = verdächtig
- Staat = verschwenderisch
- Disziplin = Tugend
Das ist Calvinismus in Haushaltsform. Und es erklärt, warum Deutschland reflexhaft spart – selbst dann, wenn Sparen schadet.
Austerität als kultureller Reflex
Manchmal wirkt es tatsächlich so, als sei dieser Sparzwang Teil des politischen Habitus. Nicht genetisch, nicht „Nationalcharakter“ im biologistischen Sinne, sondern:
- historisch geprägt durch die Haushaltskrisen der 1920er
- kulturell verankert durch protestantische Arbeitsethik
- institutionell zementiert durch Föderalismus und Schuldenbremse
- politisch aufgeladen durch das Narrativ der „schwäbischen Hausfrau“
Es ist ein Reflex, kein Konzept. Ein Gefühl, keine Analyse.
Und deshalb wird Austerität in Deutschland nicht als Risiko gesehen, sondern als Tugend.
Die Folgen: Strukturelle Selbstschädigung
Währenddessen:
- verfällt die Infrastruktur
- bleibt die Bahn trotz Milliarden ineffizient
- ist die Bundeswehr trotz Sondervermögen kaum beschaffungsfähig
- sind die Kommunen unterfinanziert
- ist die GKV strukturell ausgehöhlt
- bleibt die Binnenkonjunktur schwach
- werden Investitionen verschoben oder gestrichen
Und dann heißt es: „Wir müssen noch mehr sparen.“
Es ist die Schulkantine, nur mit schlechterer Beleuchtung.
Der politische Höhepunkt: Austerität als rote Linie
Wenn nun Teile der Union „rote Linien“ ziehen:
- keine Steuererhöhungen
- keine neuen Schulden
- harter Sparkurs
… dann ist das nicht Wirtschaftskompetenz.
Es ist die Wiederauflage der Kantinenlogik – nur mit größerem Selbstbewusstsein.
Warum ich mich nicht mehr wundere
Weil ich das Muster kenne.
Weil ich es erlebt habe.
Weil ich weiß, wie Systeme funktionieren – und wie sie scheitern.
Und weil ich sehe, dass Deutschland gerade dabei ist, dieselben Fehler zu wiederholen, nur größer, teurer und mit noch mehr moralischem Unterton.
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