In der ZEIT kann man Kritik am Vorschlag der GKV-Finanzierungskommission lesen. Die Gesundheitsredakteurin Carla Neuhaus argumentiert unter der Überschrift „Lasst ihnen doch die Kügelchen!“, es brauche „Wettbewerb unter den Kassen“ – und der sei nun einmal nur über freiwillige Zusatzleistungen möglich.
Dass eine Gesundheitsredakteurin so einen alten Quark aufwärmt, ist erschütternd. Sowohl das „Lasst ihnen doch die Kügelchen“ als auch die Sache mit dem Wettbewerb. Dabei bräuchte sie nur im hauseigenen Archiv zu blättern und sie würde mehr erfahren.

Solch ein Statement ist ein Indikator dafür, wie tief die epistemische Verwahrlosung, die Geringschätzung von Fakten und Tatsachen, inzwischen in den gesundheitspolitischen Diskurs eingesickert ist.
Ein Déjà-vu der Zweckrhetorik
Der Satz „Lasst ihnen doch die Kügelchen!“ ist nicht neu. Er findet sich in der Diskussion der letzten zehn Jahre oft als rhetorischer Trick, der zwei Dinge gleichzeitig tut:
- Er verniedlicht ein strukturelles Problem, die Privilegierung von Pseudomedizin im Gesundheitswesen, indem er Homöopathie als harmlosen Spleen darstellt (wobei durchaus offen bleibt, weshalb ein harmloser Spleen Teil des öffentlichen Gesundheitssystems sein sollte).
- Er verschiebt die Debatte, indem er so tut, als sei das eigentliche Thema die Freiheit der Kassen, „Wettbewerb“ zu betreiben.
Dass eine Gesundheitsredakteurin diesen alten Unsinn – und ja, es ist Unsinn, vorsichtig ausgedrückt – teils wörtlich wiederholt, ohne die systemische Dimension zu reflektieren, ist tatsächlich erschütternd. Und es ist symptomatisch.
Der Wettbewerb als Fetisch
Neuhaus’ Argumentation folgt exakt dem Muster, das ich gerade erst bei einem anderen öffentlichen Auftritt kritisiert habe:
„Wettbewerb unter den Kassen“ sei notwendig, und der funktioniere nun einmal nur über freiwillige Zusatzleistungen.
Das ist gleich doppelt falsch:
- Erstens ist der Wettbewerb in der GKV künstlich, teuer und ineffizient.
- Zweitens ist Homöopathie nicht der Kern des Problems, sondern ein Symptom eines strukturell verfehlten Wettbewerbsmodells. Historisch ist klar, dass die Erweiterung des Satzungskatalogs im Jahre 2012 wegen der Homöopathie eingeführt wurde, unter dem Deckmantel der „Wettbewerbsidee“.
Solange Kassen als Teile desselben Systems mit medizinisch fragwürdigen Zusatzleistungen um Mitglieder werben dürfen, bleibt der Wettbewerb ein Marketingwettbewerb, kein Qualitätswettbewerb.
Dass eine Redakteurin der ZEIT das nicht erkennt – oder nicht erkennen will –, obwohl die eigene Redaktion seit Jahren kritisch über Homöopathie berichtet, ist ein Versagen epistemischer Redlichkeit. Und zwar eines, das man nicht mit „Meinung“ entschuldigen kann. Es geht nicht einfach um schlechte Argumente, sondern um eine Haltung, die Fakten, Systemlogik und historische Erfahrung ignoriert, um ein längst widerlegtes Narrativ zu reproduzieren.
Der Elefant im Raum – wieder einmal unsichtbar
Einer der großen strukturellen Kostentreiber im System ist die künstliche Koexistenz von fast 100 Krankenkassen in einem einheitlichen System – der GKV.
Das ist der Elefant im Raum.
Und wieder redet niemand darüber.
Stattdessen wird so getan, als sei Homöopathie das letzte Bollwerk des Wettbewerbs. Das ist nicht nur sachlich falsch, sondern eine groteske Verzerrung der Realität. Den Beleg liefert Frau Neuhaus selbst: Wenn es der Zusatzangebote für einen „Wettbewerb“ bedarf, dann ist er ohne diese offensichtlich künstlich und damit überflüssig. Warum ihn also überhaupt erzeugen?
Warum das so enttäuschend ist
Weil es zeigt, dass selbst große Medienhäuser immer noch Narrative reproduzieren, die seit Jahren widerlegt sind – und zwar von ihren eigenen Archiven. Ein kurzer Blick in die ZEIT‑Dossiers der letzten 15 Jahre würde reichen, um zu erkennen:
- Homöopathie wirkt nicht über Placebo hinaus.
- Satzungsleistungen sind ein Marketinginstrument.
- Der Wettbewerb der Kassen ist strukturell dysfunktional.
- Die Fragmentierung der GKV erzeugt unnötige Kosten.
- Die Versicherten profitieren davon nicht.
Dass eine (Gesundheits-)Redakteurin das ignoriert, ist mehr als enttäuschend.
Meinung?
Früher hatte man für Menschen, die mit akademischem oder journalistischem Anstrich vorgefertigte Narrative verstärkten, recht unfreundliche Bezeichnungen. Heute nennt man so etwas „Meinungsbeitrag“. Der Mechanismus ist derselbe.
Zur Sinnhaftigkeit von Meinungsbeiträgen in Fällen, wo die Fakten auf dem Tisch liegen, schrieb ich zusammen mit Natalie Grams bereits 2021 im „Bundesgesundheitsblatt„:
„Es mag dahingestellt bleiben, inwieweit es sinnvoll ist, zu einer primär wissenschaftlichen Fragestellung in Publikumsmedien dezidierte Meinungsartikel zu veröffentlichen. Zumindest wird für das lesende Publikum dabei die Grenze zwischen wissenschaftlichen Hypothesen bzw. Fakten einerseits und Meinungen andererseits verwischt. Solcherart Beiträge belegen jedoch, dass Medienbeiträge zur Homöopathie vielfach kaum überhaupt im Bewusstsein entstehen, sich in einem medizinwissenschaftlichen Kontext zu bewegen, was ja immerhin eine gewisse Verantwortung bedingt.“
Zeitlos gültig, wie es scheint.
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