Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich einmal zu einem gestrandeten Wal äußern würde. Nicht, weil mir Tiere gleichgültig wären – im Gegenteil –, sondern weil ein solches Naturereignis normalerweise keiner öffentlichen Kommentierung bedarf. Doch die Reaktionen auf den verirrten Buckelwal in der Ostsee haben eine Dynamik angenommen, die weit über das Ereignis selbst hinausgeht. Sie zeigen in ungewöhnlicher Klarheit, wie schnell sich öffentliche Debatten von ihrem Gegenstand lösen und in eine Überhitzung kippen, die mit Vernunft oder Verantwortung wenig zu tun hat.
Der Buckelwal in der Ostsee ist ein tragisches Naturereignis. Ein Tier hat sich verirrt, ist tief in eine für seine Art lebensfeindliche Umgebung geraten und war – biologisch betrachtet – von Anfang an kaum zu retten. Man kann das bedauern, betrauern, reflektieren. Sollte man ruhig auch. Aber mehr nicht.
Doch die öffentliche Reaktion folgte einem ganz anderen Muster. Aus einem bedauerlichen Vorgang in der Natur wurde binnen weniger Tage ein gesellschaftliches Drama: Schuldzuweisungen, gegenseitige Beschimpfungen, Verschwörungserzählungen, Drohungen gegen Einsatzkräfte, politische Vereinnahmungen. Ein Naturereignis wurde zum Projektionsraum.
Inzwischen gibt es Meldungen, die diese Überhitzung noch deutlicher machen. Vor der Insel Poel sprang eine Frau von einer Fähre ins Wasser, um dem Wal „nahe zu sein“. Die Polizei musste sie bergen; sie war unterkühlt. Auch hier zeigt sich: Die Reaktionen haben sich längst von jeder rationalen Einschätzung gelöst. Ein sterbendes Tier wird zum Anlass für Handlungen, die mit Verantwortung oder Vernunft nichts mehr zu tun haben.
Was hier sichtbar wird, ist nicht die „Causa Wal“, sondern ein kommunikatives Strukturproblem. Ein Ereignis, das emotional aufgeladen, medial sichtbar, aber rational nicht lösbar ist, erzeugt in Teilen der Öffentlichkeit eine Art kollektive Überhitzung. Ohnmacht wird zu Wut, Unsicherheit zu Gewissheit, Unwissen zu Expertentum. Die digitale Öffentlichkeit verstärkt das: Jeder wird zum Fachmann, jede Verzögerung zur Absicht, jede Unsicherheit zur Vertuschung.
Das eigentlich Erschreckende ist daher nicht das Schicksal des Tieres, sondern die Maßlosigkeit der Reaktionen. Ein verirrter Wal wird zur Bühne für Identitätskämpfe, moralische Überbietung, politische Feindbilder und die immer gleiche Kakophonie der Selbstgewissheiten.
Bezeichnend ist, wie weit diese Dynamik von dem entfernt ist, was ich als Rationalität in Verantwortung beschreibe. Die Reaktionen auf den Wal zeigen, wie schnell Vernunft durch Affekt ersetzt wird, wie leicht sich Menschen in symbolische Stellvertreterhandlungen flüchten und wie brüchig die Fähigkeit geworden ist, zwischen Anteilnahme und Aktionismus zu unterscheiden. Der Wal ist ein Naturereignis. Die Reaktionen darauf sind ein Beispiel dafür, wie verantwortliche Rationalität in der Öffentlichkeit erodiert.
Ich habe auf Madeira Blauwale beobachtet, wie sie in Richtung Norden zogen, teils mit Kälbern. Es war eindrucksvoll und bewegend. Die Menschen dort kennen einige Tiere über Jahre hinweg wieder und geben ihnen Namen. Ich konnte Blauwal „Paolo“ von einer Klippe aus fotografieren, direkt von oben. Was ich von dort mitgenommen habe, als jemand, der Tiere sehr schätzt, war vor allem eines: Demut und Respekt.
Gerade deshalb irritiert mich die Überheblichkeit, die sich in Teilen der aktuellen Debatte zeigt. Unter dem Deckmantel von Mitgefühl entsteht eine Form der Projektion, die mit dem Tier selbst wenig zu tun hat. Vielleicht hat es sogar mit der Tendenz zu tun, den Umgang mit der eigenen Sterblichkeit zu vermeiden. Ein sterbender Wal wird zum Anlass für Selbstinszenierung, für moralische Überbietung, für das Bedürfnis, „etwas tun zu müssen“, selbst wenn dieses Tun dem Tier nicht hilft, sondern ihm die Würde nimmt.
Der Wal stirbt.
Die Debatte, die sich an ihm entzündet hat, sagt weit mehr über uns aus als über ihn.
Hinweis: Auf ein Beitragsbild verzichte ich diesmal bewusst. Der Text befasst sich nicht mit dem Tier selbst, sondern mit den gesellschaftlichen Reaktionen auf das Ereignis.
Postscriptum
Der Grund, mich diesem Thema zuzuwenden, ist einfach: Der Fall des gestrandeten Buckelwals ist ein seltenes Beispiel für die Erosion öffentlicher Vernunft, das nicht politisch aufgeladen ist. Gerade weil hier keine ideologischen Fronten im Spiel sind, zeigt sich das kommunikative Muster besonders klar. Die Überhitzung der Debatte entsteht nicht aus politischen Identitäten, sondern aus einem strukturellen Problem unserer öffentlichen Kommunikation. Genau deshalb ist dieser Fall ein paradigmatischer Beleg für das, was ich in vielen meiner Beiträge als Verlust rationaler Verantwortung beschreibe.
Sehr gut – dann formuliere ich dir eine präzise, kurze Ergänzung, die sich nahtlos an deine bisherige Kommentierung anschließt.
Tonfall: ruhig, analytisch, leicht ernüchtert, ohne jede Empörungsrhetorik.
Genau das, was deine Leser von dir erwarten.
Nachtrag, 20.ß4.2025:
Die jüngsten Meldungen ändern an meiner Einschätzung wenig. Der Wal hat sich zwar mit dem morgendlichen Hochwasser kurzzeitig freibewegt, ist aber nach wenigen hundert Metern erneut zum Stillstand gekommen. Das ist kein Zeichen von Erholung, sondern ein typisches Muster geschwächter Großwale, die in flachen Buchten die Orientierung verlieren und ihre letzten Energiereserven verbrauchen.
Auch die Tiefenverhältnisse sprechen gegen jede optimistische Deutung: Ein Fahrwasser von zweieinhalb bis drei Metern ist für ein Tier dieser Größe kaum manövrierfähig, die umliegenden Bereiche sind mit unter einem Meter schlicht ungeeignet. Dass der Wal mehrfach die Richtung wechselte und schließlich wieder stoppte, ist biologisch ein Warnsignal – kein Fortschritt.
Umso irritierender wirkt die positive Rahmung, die sowohl die private Rettungsinitiative als auch das Umweltministerium bemühen. Sie beschreibt weniger den Zustand des Tieres als das Bedürfnis, das eigene Handeln als sinnvoll erscheinen zu lassen. Mit dem tatsächlichen Verlauf hat das nur begrenzt zu tun.
Ein weiterer Punkt, der mich seit Beginn der Aktion irritiert, betrifft die technischen Vorstellungen der „Rettung“. Schon die Ankündigung, man wolle den Wal durch Absaugen des Schlicks unter ihm „freilegen“, wirft Fragen auf. Der Wal dürfte doch augenblicklich nur weiter absinken. Ebenso unklar blieb, wie sich in einem solchen Medium ein stabiler Hohlraum schaffen ließe, um eine Folie oder ein Tragetuch unter dem Tier hindurchzuführen.
Auch das Material selbst – angeblich eine Art Spezialplane – wurde nie konkret benannt. Angesichts der Dimensionen eines Buckelwals und der enormen Scherkräfte, die beim Anheben wirken, wäre das aber keine Nebensächlichkeit. Dass all dies innerhalb von vier Tagen nicht einmal ansatzweise umgesetzt wurde, überrascht daher nicht. Die Live-Schaltungen in die Wismarbucht zeigten meist nur Boote im Leerlauf und Menschen, die offenkundig auf etwas warteten, das nicht eintrat.
Vor diesem Hintergrund wirkt die nun eingetretene Entwicklung – der Wal bewegt sich, aber ohne erkennbare Richtung und ohne Fortschritt – weniger wie ein Erfolg der Maßnahmen als wie ein Zufall, der kommunikativ dankbar aufgegriffen wird. Biologisch ist es kein gutes Zeichen. Für die Selbsterzählung der Beteiligten hingegen kommt es zur rechten Zeit.
Wie auch immer es endet – die Erzählung wird sich retten. Der Wal selbst war längst nicht mehr ihr Maßstab.
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