Es gibt politische Debatten, die sich über Jahrzehnte im Kreis drehen, obwohl ihre innere Mechanik so schlicht ist, dass man sie in zwei Sätzen erklären könnte. Die Diskussion über die Zukunft der gesetzlichen Rentenversicherung gehört dazu. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, wie politische, ökonomische und gewerkschaftliche Akteure um eine Wahrheit herumreden, die so einfach ist, dass sie fast peinlich wirkt.

Die Rentenversicherung ist ein Umlagesystem. Und Umlagesysteme funktionieren nach einem einzigen Prinzip: Sie leben von der Lohnsumme. Nicht von der Zahl der Beitragszahler, nicht von der Lebensarbeitszeit, nicht von der Demografie, nicht von der Einbeziehung Selbständiger. Sondern ausschließlich von der Lohnsumme. Wenn die Löhne stagnieren, stagniert die Rentenversicherung. Wenn die Löhne steigen, steigt sie mit. Das ist die ganze Mechanik.
Dass diese Mechanik so selten ausgesprochen wird, hat Gründe. Sie verschiebt die Verantwortung dorthin, wo sie niemand haben will: zu den Arbeitgebern, die Produktivitätsgewinne nicht weitergeben; zu den Gewerkschaften, die sich über Jahre mit Inflationsabschlüssen zufriedengaben und damit den Produktivitätsfortschritt nicht in die Löhne holten; zur Politik, die die Beitragsbemessungsgrenze wie ein sakrales Objekt behandelt; und zu einem Wirtschaftsmodell, das niedrige Lohnquoten als Wettbewerbsfaktor feiert.
Vor diesem Hintergrund ist der jüngste DGB‑Beitrag in Fom eines Memes bemerkenswert. Zum ersten Mal seit langer Zeit formuliert der Gewerkschaftsbund öffentlich, dass Wachstum der Schlüssel zur Rentenstabilität sei. Das ist richtig – aber nur halb. Denn Wachstum entsteht nicht durch Appelle, sondern durch gerechte Teilhabe am Produktivitätsfortschritt. Und genau diese Teilhabe wurde über Jahre tarifpolitisch unterlaufen. Prof. Heinz-Josef Bontrup hat das früh und deutlich kritisiert: Wer Löhne nur an der Inflation orientiert, schwächt nicht nur die Beschäftigten und die Binnenkonjunktur, sondern auch die sozialen Sicherungssysteme.
In diesem Kontext wirkt die immer – wie hier auch vom DGB – wiederholte Forderung, Selbständige in die Rentenversicherung einzubeziehen, wie eine bequeme Ausweichbewegung. Sie klingt nach breiter Solidarität, verschweigt aber die strukturellen Risiken: die verfassungsrechtlich geschützten berufsständischen Versorgungswerke auf der einen Seite und die vielen kleinen Selbständigen mit niedrigen oder unsicheren Einkommen auf der anderen. Wer hier „Einbeziehung“ ruft, holt sich neue Probleme ins Haus, ohne die alten zu lösen.
Die Versorgungswerke: funktionierende Subsysteme statt ideologischer Projektionsflächen
Es lohnt sich, an dieser Stelle einen Blick auf die berufsständischen Versorgungswerke zu werfen. Sie werden in der Debatte oft wie ein exotischer Sonderfall von „Privilegien“ behandelt, den man „irgendwie später lösen“ könne. In Wahrheit sind sie ein Beispiel dafür, wie man ein Sozialversicherungssystem solide und langfristig bauen kann.
Sie sind finanziell stabil, professionell verwaltet, haben hohe Deckungsgrade und eine hohe Beitragsmoral. In einer Zeit, in der die GRV strukturell unter Druck steht, sollte man froh sein, dass es solche Systeme gibt. Es ist ökonomisch wie politisch unklug, funktionierende Strukturen zu destabilisieren, nur weil man eine vermeintlich „breitere Solidarität“ herstellen möchte. Solidarität entsteht nicht dadurch, dass man funktionierende Systeme auflöst, sondern dadurch, dass man dysfunktionale Systeme repariert.
Zugleich sind die Versorgungswerke ein Ausdruck jener Eigenverantwortung, die politisch seit Jahrzehnten eingefordert wird. Wer sie auflösen will, bestraft genau jene Gruppen, die dieses Leitmotiv am konsequentesten umgesetzt haben. Das ist keine Solidarität, sondern eine Nivellierung nach unten.
Und seit wir wissen, dass auch die GKV gelegentlich Gelder verspekuliert, ist der moralische Zeigefinger endgültig verschwunden. Alle Systeme tragen Risiken. Die Frage ist nicht, ob Risiken existieren, sondern wie professionell man mit ihnen umgeht. Und hier stehen die Versorgungswerke oft besser da als staatliche Körperschaften.
Ideologische Vergiftung: Wenn Gleichheit zur Gleichmacherei wird
Wer darauf hinweist, dass die Versorgungswerke funktionieren und die GRV strukturelle Schwächen hat, gilt plötzlich nicht mehr als „links“, sondern als „kapitalistisch“. Wie ich diese Zuschreibungen hasse. Als wäre es ein Verrat an der Solidarität, funktionierende Systeme nicht zu zerstören. Das ist die ideologische Falle: Gleichheit wird als Gleichmacherei verstanden – nicht als Gleichwertigkeit funktionierender Systeme.
Mein Vater, alter Sozialdemokrat, hätte dazu gesagt: „Dann eben alle in die GRV – damit es allen gleich schlecht geht.“ Das ist keine Solidarität, sondern eine Nivellierung nach unten.
Die Debatte ist deshalb nicht nur ökonomisch vernebelt, sondern auch ideologisch vergiftet. Sie verwechselt Solidarität mit Gleichmacherei und Funktionslogik mit moralischer Pose.
Die eigentliche Stellschraube: die Bemessungsgrundlage
Wenn man die Lohnsummenproblematik einmal klar erkannt hat, wird offensichtlich: Die GRV scheitert nicht an fehlenden Selbständigen, sondern an einer zu engen Bemessungsgrundlage.
Wer die Rentenversicherung stabilisieren will, muss:
- die Beitragsbemessungsgrenze öffnen,
- weitere Einkommensarten einbeziehen,
- die Lohnquote stärken,
- und den Produktivitätsfortschritt nicht verschenken.
Das ist die strukturelle Lösung. Alles andere ist der Splitter im Auge des anderen.
Das DGB‑Meme als Chance
Der DGB ist auf dem richtigen Weg, weil er erstmals über Wachstum spricht. Aber er muss den Weg zu Ende gehen: Wachstum heißt Produktivität. Produktivität heißt Lohnentwicklung. Lohnentwicklung heißt Lohnsumme. Lohnsumme heißt Rentenstabilität. Erst wenn diese Kette verstanden ist, wird aus dem Meme eine Reformperspektive.
Und an die Adresse der Politik: Gute Sozialpolitik ist gute Wirtschaftspolitik
Wenn man die Rentenversicherung auf ihre ökonomische Grundmechanik zurückführt, wird klar: Gute Sozialpolitik ist nichts anderes als gute Wirtschaftspolitik. Sie beginnt nicht bei Appellen, nicht bei moralischen Bildern, nicht bei Nebelkerzen über „länger arbeiten“, sondern bei Wachstum und Teilhabe. Wachstum entsteht durch Produktivität, Teilhabe durch gerechte Löhne. Und beides zusammen erzeugt die Lohnsumme, von der ein Umlagesystem lebt.
Wer die Rente stabilisieren will, muss die Wirtschaft so gestalten, dass Menschen produktiv arbeiten können — und die Früchte dieser Produktivität auch erhalten. Das ist keine Ideologie, sondern schlichte Ökonomik.
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