Der Begriff Dekadenz ist in der politischen Sprache beschädigt. Guido Westerwelle hat ihn einst in einer Weise verwendet, die ihn moralisch kontaminiert hat. Gerade deshalb hüte ich mich davor, ihn leichtfertig zu benutzen. Und doch drängt er sich in diesen Tagen auf – nicht als Vorwurf, sondern als analytische Kategorie. Denn die Fälle Jens Spahn und Philipp Amthor zeigen eine Struktur, die man mit diesem Begriff präzise beschreiben kann: den Verlust der Fähigkeit, die eigene Position im Verhältnis zur Gesellschaft realistisch wahrzunehmen. So definiert die politische Soziologie den Begriff.
Dekadenz ist hier kein moralisches Urteil, sondern ein Habitusproblem.

I. Jens Spahn – Die groteske Selbstapologie
Jens Spahn versucht, sich mit dem Hinweis zu exkulpieren, alles um ihn herum werde „politisiert“ wahrgenommen. Das ist bemerkenswert. Denn die Verantwortung wird nicht im eigenen Handeln gesucht, sondern in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Die Kritik wird nicht als Hinweis auf eine Diskrepanz zwischen Rolle und Verhalten verstanden, sondern als Überempfindlichkeit der anderen.
Das ist kein Skandal. Es ist ein Symptom.
Ein Symptom dafür, dass ein politisches Spitzenmilieu seine eigene Wirkung nicht mehr versteht. Dass es die Distanz zwischen Selbstbild und Fremdbild nicht mehr wahrnimmt. Dass es die politische Rolle mit persönlicher Unantastbarkeit verwechselt.
Das ist die strukturelle Nähe zur Dekadenz: Nicht spätrömische Ausschweifung, wie sie Westerwelle seinerzeit den HartzIV-Empfängern zuschrieb, sondern Blindheit gegenüber der eigenen symbolischen Position.
II. Philipp Amthor – Der Strandkorb als Kristallisationspunkt
Der Fall Amthor ist noch deutlicher. Die öffentliche Irritation entzündete sich nicht am Strandkorb selbst. Niemand glaubte ernsthaft, der Gegenstand sei ein Problem. Niemand glaubte, der Transport sei ein Skandal. Niemand glaubte, die Bezahlung sei fragwürdig.
Der Strandkorb war nur der Kristallisationspunkt einer Irritation, die längst aufgebaut war – durch die ZDF‑Dokumentation Inside CDU, durch die Inszenierung des weiträumigen Büros, durch die Ledergarnitur im Wert eines wohl fünfstelligen Betrages, durch die ästhetische Selbstsicherheit eines jungen Politikers, der seine eigene Wirkung nicht reflektiert.
Was irritiert, ist nicht der Gegenstand, sondern die Unbefangenheit, mit der er präsentiert wird. Die Selbstverständlichkeit eines Lebensstils, der sich nicht mehr an der Lebenswelt der Bürger orientiert, sondern an einer Binnenlogik politischer Macht. Und in dem private und politische Person weitgehend verschmelzen.
Dass die CDU nun vermelden lässt, Amthor habe den Strandkorb wie den Transport selbst bezahlt, aber man habe ihn dennoch abtransportiert, ist fast komisch. Es ist die perfekte Fehladressierung:
- Man beantwortet eine Frage, die niemand gestellt hat.
- Man korrigiert einen Fakt, der niemanden interessiert.
- Man versucht, ein Symbol zu reparieren, das gar nicht beschädigt war – sondern nur sichtbar gemacht hat, was beschädigt ist.
Und Teile des Journalismus wie aktuell der SPIEGEL schließen sich dieser Fehldeutung auch noch an.
III. Die Pointe: Auch die Organisation CDU hat nicht verstanden, was passiert ist
Die Reaktion der CDU zeigt, dass nicht nur einzelne Akteure, sondern die Organisation selbst die Lage missversteht. Sie glaubt, es gehe um einen Gegenstand, um eine Zahlung, um einen Transport. Aber es geht um etwas anderes:
Es geht um die symbolische Selbstbeschreibung politischer Macht – und um den Verlust ihrer Bodenhaftung.
Und bemerkenswert ist: Dieser Verlust zeigt sich nicht bei den alten Parteigranden, sondern bei der jüngeren Generation des Spitzenpersonals. Bei jenen, die vollständig im politischen Betrieb sozialisiert wurden, ohne berufliche oder gesellschaftliche Erdung außerhalb dieses Systems.
Sie kennen die politische Bühne. Sie kennen die Medienlogik. Sie kennen die ästhetischen Codes der Macht. ber sie kennen nicht mehr die Wirkung dieser Codes auf die Gesellschaft, die sie vertreten sollen.
Das ist die eigentliche Dekadenz: Nicht moralische Verfehlung, sondern Milieuverengung.
Schluss
Die Fälle Spahn und Amthor sind keine Skandale. Sie sind Symptome. Symptome eines politischen Milieus, das seine eigene symbolische Ordnung nicht mehr versteht. Und einer Partei, die glaubt, man könne Irritationen durch den Abtransport eines Strandkorbs beseitigen.
Dekadenz – im präzisen, nicht im polemischen Sinn – ist der Verlust der Fähigkeit zur Selbstreflexion. Genau das sehen wir hier.
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