Es gibt Texte, die einen nicht nur irritieren, sondern sprachlos machen – und zwar nicht wegen ihrer Argumentation, sondern wegen der publizistischen Setzung, die sie darstellen. Der jüngste SPIEGEL‑Leitartikel zur angeblichen „Tyrannei der Alten“ (SPIEGEL 26/2026 und SPIEGEL online, Link frei lesbar) gehört in diese Kategorie. Redaktionell illustriert mit einem Foto wohlhabender Senioren im Sonnenurlaub und einer Bildunterschrift von der „bestversorgten Rentnergeneration aller Zeiten“, behauptet er eine gesellschaftliche Realität, die mit dem Leben der meisten Rentnerinnen und Rentner in Deutschland kaum etwas zu tun hat. Dass ein Leitmedium dieses seit Jahren strapazierte, aber analytisch kopfstehende Narrativ – Jung gegen Alt statt Oben gegen Unten – nun auch noch zum tragenden Element eines Leitartikels erhebt, ist bemerkenswert. Meine Fassungslosigkeit darüber war der Ausgangspunkt für die nachstehende Analyse, die sich mit der politischen Funktion solcher Erzählungen und ihrer manipulativen Rahmung befasst.

Christian Reiermanns Kommentar im SPIEGEL behauptet, der zentrale Konflikt unserer Zeit verlaufe nicht mehr zwischen Arm und Reich, sondern zwischen Jung und Alt. Die „Tyrannei der Alten“ bedrohe die Zukunft des Landes. Man könnte – beinahe – darüber hinwegsehen, wäre diese Diagnose nicht ein exemplarisches Beispiel für eine publizistische Praxis, die strukturelle Ungleichheiten systematisch in demografische Gegensätze umcodiert – und damit unsichtbar macht.
Die Verschiebung der (laut Reiermann angeblich dominierenden) Konfliktlinie von oben vs. unten zu jung vs. alt ist kein analytischer Befund, sondern ein ideologisches Manöver. Sie funktioniert nur, wenn man die grundlegenden Parameter moderner Ungleichheitsforschung ignoriert: die extreme Vermögenskonzentration, die seit Jahren wachsende Kluft zwischen Kapital- und Arbeitseinkommen, die Stagnation der Lohnquote, die Prekarisierung großer Teile der Mittelschicht. Wer all das ausblendet, kann natürlich behaupten, der alte Verteilungskonflikt sei „ausgeleiert“. Tatsächlich ist er so virulent wie eh und je – nur eben politisch unbequem. Die Generationenrhetorik dient hier als semantische Ersatzhandlung: Sie erlaubt es, reale Macht- und Besitzverhältnisse zu verschleiern, indem man sie durch eine moralisch aufgeladene Altersmetaphorik ersetzt.
Die Konstruktion einer homogenen, privilegierten Rentnergeneration ist dabei der zentrale Kunstgriff. Sie ist empirisch unhaltbar. Die Babyboomer sind keine soziale Klasse, sondern eine sozial extrem heterogene Kohorte. Ihre Lebenslagen unterscheiden sich entlang der klassischen Achsen von Bildung, Einkommen, Vermögen und beruflicher Position – nicht entlang des Geburtsjahres. Wer diese Unterschiede ignoriert, betreibt keine Sozialanalyse, sondern Demografie-Populismus. Die Vorstellung, „die Alten“ seien eine einheitliche Gruppe, die auf Kosten „der Jungen“ lebe, ist eine Fiktion, die nur funktioniert, wenn man die realen sozialen Differenzierungen systematisch ausblendet.
Besonders deutlich wird die ideologische Struktur des Textes dort, wo Reiermann die Rente mit 63 als Ausdruck einer angeblichen „Tyrannei“ deutet. Die Rente mit 63 gilt ausschließlich für Menschen mit 45 Versicherungsjahren – also für diejenigen, die ihr Erwerbsleben früh begonnen haben, oft in körperlich belastenden Berufen. Sie ist keine Frühverrentung, sondern die Anerkennung eines langen Arbeitslebens. Dass Menschen, die seit ihrem 17. oder 18. Lebensjahr arbeiten, mit Mitte 60 nicht mehr dieselbe Leistungsfähigkeit haben wie Akademiker mit späterem Berufseinstieg, ist keine „sozialpolitische Verantwortungslosigkeit“, sondern eine schlichte anthropologische Tatsache. Reiermanns Darstellung ignoriert diese Realität vollständig. Er moralisiert, wo er analysieren müsste.
Am aufschlussreichsten ist jedoch sein Vorschlag, die Mehrwertsteuer zu erhöhen. Er begründet dies damit, dass Rentner im Alter ihre Ersparnisse „verbrauchen“ und daher – in seiner Sicht offenbar sinnvollerweise – überproportional belastet würden. Das ist nicht nur ökonomisch falsch, sondern sozial zynisch. Die Mehrwertsteuer ist die unsozialste Steuer, die wir haben. Sie belastet untere Einkommen überproportional, trifft Menschen ohne Vermögen besonders hart und ignoriert reale Bedürfnislagen vollständig. Reiermanns Argumentation reduziert Rentner auf Konsumautomaten, deren Lebensleistung sich angeblich in einem einzigen Akt erschöpft: dem „Verjubeln“ ihrer Ersparnisse. Dass viele dieser Ersparnisse aus jahrzehntelanger Arbeit stammen, fällt in seiner Welt nicht ins Gewicht. Die normative Botschaft ist klar: Wer nicht mehr arbeitet, hat auch keine legitimen Ansprüche mehr.
An dieser Stelle berührt der Text ungewollt die politische Ökonomie der Alterssicherung – allerdings in einer Weise, die deren Grundprinzipien verkehrt. Die gesetzliche Rente ist kein Geschenk an eine „Tyrannei der Alten“, sondern ein intertemporaler Tauschvertrag: Die Erwerbstätigen finanzieren die Ruheständler, im Vertrauen darauf, dass die nächste Generation dasselbe tun wird. Dieses Arrangement ist nicht Ausdruck von „Umverteilung“, sondern von sozialer Reproduktion. Es ist die institutionalisierte Form einer wechselseitigen Verpflichtung, die moderne Gesellschaften überhaupt erst stabil macht. Wer diesen Mechanismus als Last darstellt, die „die Jungen“ zu tragen hätten, hat das Funktionsprinzip des Sozialstaats nicht verstanden – oder möchte es nicht verstehen.
Hinzu kommt: Viele Menschen sehen ihrer eigenen Rente mit gemischten Gefühlen entgegen. Sie wissen, dass ein Rentenniveau von 48 Prozent nicht einmal die heutige Miete decken würde. Sie wissen, dass private Vorsorge für breite Teile der Bevölkerung illusorisch ist, weil die Einkommen dafür nicht ausreichen. Und sie wissen, dass die kapitalgedeckte Vorsorge, die Reiermann implizit favorisiert, in einem Land mit extremer Vermögensungleichheit strukturell nur für jene funktioniert, die sie eigentlich nicht brauchen. Die politische Ökonomie der Alterssicherung ist also nicht durch „Tyrannei der Alten“ gefährdet, sondern durch politische Entscheidungen, die die Einnahmeseite des Systems systematisch schwächen und die Risiken des Alters individualisieren.
Theoretisch betrachtet ist Reiermanns Argumentation ein klassisches Beispiel für das, was Stephan Lessenich als „Externalisierungsgesellschaft“ beschrieben hat – nur nach innen gewendet. Die Kosten gesellschaftlicher Reproduktion sollen nicht dort getragen werden, wo die ökonomische Leistungsfähigkeit sitzt, sondern dort, wo die politische Gegenwehr am geringsten ist. Die Generationenrhetorik dient als moralische Legitimation dieser Verschiebung. Sie entlastet die Vermögenden, indem sie die Konfliktlinie so verlegt, dass Vermögen, Kapitalerträge und Erbschaften aus dem Blick geraten. Stattdessen wird ein demografischer Gegensatz herbeifantasiert, der politisch folgenlos bleibt – außer für diejenigen, die ohnehin wenig haben.
So entsteht ein Bild der Gesellschaft, das mit der Realität wenig zu tun hat, aber eine klare politische Funktion erfüllt: Es verschiebt die Aufmerksamkeit weg von den strukturellen Ursachen sozialer Ungleichheit und hin zu einem moralisch aufgeladenen Ersatzkonflikt. Die „Tyrannei der Alten“ ist kein analytischer Befund, sondern ein ideologisches Narrativ. Es dient dazu, die eigentlichen Profiteure der gegenwärtigen Verteilungsordnung unsichtbar zu machen.
Reiermanns Text ist damit weniger ein Beitrag zur Sozialanalyse als ein Symptom jener publizistischen Haltung, die sich längst von der sozialen Realität abgekoppelt hat. Er verwechselt demografische Kategorien mit sozialen Klassen, moralisiert strukturelle Probleme und verschiebt die Konfliktlinie so, dass die eigentlichen Machtverhältnisse unangetastet bleiben. Wer so argumentiert, betreibt nicht Aufklärung, sondern politische Mythologie.
Schreibe einen Kommentar