Manchmal landen E‑Mails im Postfach, die so viel Schleim versprühen, dass man sie eigentlich mit Gummihandschuhen öffnen müsste. Besonders hübsch wird es, wenn der Absender versucht, Seriosität zu simulieren, aber schon im ersten Satz über die eigenen Platzhalter stolpert. „Dear Dr. ,“ – mehr muss man über die Sorgfalt des Absenders nicht wissen.

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Der Rest ist ein Muster jener eigentümlichen Kunstsprache, die predatory Journals kultiviert haben: eine Mischung aus übertriebener Höflichkeit, generischer Schmeichelei und syntaktisch fragiler Förmlichkeit. Für geübte Leser ist das sofort als Schleimerei erkennbar. Für andere – und das ist der eigentliche Punkt – klingt es wie professionelle Höflichkeit. Genau darauf spekulieren diese Absender.
In diesem Fall wird es besonders amüsant, weil das Journal versucht, das Vorhandensein einer ISSN als Qualitätsmerkmal zu verkaufen. Eine ISSN ist allerdings nichts weiter als ein Nummernschild: eine Registrierung als periodisch erscheindende Pubikation, ein reiner Verwaltungsakt ohne jede Aussage über Qualität, Peer Review oder wissenschaftliche Standards. Normalerweise verweisen solche Journals wenigstens darauf, „in Google Scholar indexiert“ zu sein – was zwar ebenfalls nichts bedeutet, aber immerhin nach Wissenschaft klingt. Hier reicht es nicht einmal dafür.
Und weil die Sprache so herrlich durchsichtig ist, lohnt sich ein Blick auf das, was diese Mails wirklich sagen,
Predatory‑Mail: Die ungeschönte Übersetzung
„Dear Dr. ,“ → Wir haben keine Ahnung, wer Sie sind. Unser Bot hat vergessen, den Platzhalter zu füllen, aber wir schicken’s trotzdem raus.
„We hope this email finds you well.“ → Wir hoffen, Sie löschen das nicht sofort.
„I am writing to seek your kind permission to extend our publication proposal.“ → Wir wollen Ihnen Spam schicken und hoffen, dass Sie nicht merken, dass wir das gerade tun.
„As a distinguished researcher…“ → Wir haben keine Ahnung, ob Sie überhaupt forschen, aber vielleicht fühlen Sie sich geschmeichelt.
„…you may be looking to publish your latest findings…“ → Sie haben bestimmt irgendwas rumliegen, das wir gegen Geld drucken können.
„If you wish to opt out…“ → Klicken Sie bitte nicht auf unsubscribe, das erhöht nur unseren Aufwand. Aber gut, dann wissen wir wenigstens, dass Ihr Mailadresse gültig ist.
„We are pleased to inform you that the Journal of Data science and Modern Techniques…“ → Wir haben eine Webseite mit einem generischen Titel gebastelt.
„ISSN NO: 2996-0134“ → Wir haben eine Zeitschriften-Nummer beantragt. Bitte halten Sie uns jetzt für seriös.
„…is now accepting original research articles, review papers, and editorials…“ → Wir nehmen alles. Wirklich alles. Auch Ihre Einkaufsliste.
„Submit your manuscript as an email attachment“ → Wir haben kein Peer‑Review‑System. Wir haben natürlich auch kein Submitsystem, nicht einmal ein Formular. Wir haben nur diese Mailadresse.
„We look forward to receiving your manuscript…“ → Wir freuen uns auf Ihre APCs.
„…and to potentially featuring your valuable work…“ → Wir drucken alles, solange Sie zahlen.
„If you have any questions…“ → Bitte schreiben Sie zurück, damit wir wissen, dass Ihre Adresse aktiv ist.
Zusammengefasst:
„Bitte geben Sie uns Geld. Dafür tun wir so, als wären wir ein richtiges Journal.
Wir wissen nicht, wer Sie sind, aber unser Bot hat Ihre Adresse gefunden. Wir hoffen, Sie fühlen sich geschmeichelt, wenn wir Sie „distinguished researcher“ nennen. Wir haben eine Webseite mit einer Nummer drauf, die wir für ein Gütesiegel halten. Bitte schicken Sie uns irgendein Manuskript, am besten als E‑Mail‑Anhang, denn ein Peer‑Review‑System haben wir nicht. Wir drucken alles, solange Sie zahlen. Und wenn Sie uns zurückschreiben, wissen wir immerhin, dass Ihre Adresse aktiv ist.„
Mehr steckt nicht dahinter. Kein Peer Review, keine Redaktion, keine wissenschaftliche Kultur – nur der Versuch, mit leicht fauligem semantischem Schaum eine Fassade zu errichten, die für manche Empfänger tatsächlich überzeugend wirkt. Gerade dort, wo Englischkenntnisse begrenzt sind, wird dieser Ton leicht als professionell missverstanden. Und genau deshalb funktionieren solche Mails immer noch.

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Das eigentlich Interessante ist jedoch nicht die Komik des Einzelfalls, sondern das strukturelle Umfeld, in dem solche Angebote gedeihen. Das wissenschaftliche Publikationswesen hat in den letzten zwei Jahrzehnten eine Ökonomisierung erlebt, die an vielen Stellen die Grenze zwischen seriöser Infrastruktur und Geschäftsmodell aufweicht. Wo Publikationsdruck, Open‑Access‑Gebühren und Reputationsökonomien zusammentreffen, entstehen zwangsläufig Grauzonen – und in diesen Grauzonen wuchern die predatory Journals wie Algen in warmem Wasser.
Sie sind nicht das Problem, sondern ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass wissenschaftliche Kommunikation längst nicht mehr nur ein epistemischer Prozess ist, sondern ein Markt. Und auf jedem Markt gibt es Händler, die mit glänzenden Versprechen und fragwürdigen Waren unterwegs sind.
Man muss ihnen nicht auf den Leim gehen. Aber man sollte verstehen, warum sie existieren. Und warum man solche Mails kurz prüft (es kann sich auch ganz selten mal etwas Ernsthaftes darunter finden, tatsächlich) und dann – unbeantwortet – gleich löscht.
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