Einleitung

Die ökonomische Misere der Gegenwart ist kein Zufallsprodukt und nicht primär eine Reihe einzelner politischer Fehlentscheidungen. Sie ist das Ergebnis einer Umformungsstrategie, die vor mehr als vierzig Jahren begann und deren Wirkung bis heute nachhallt. Der – vielen nicht einmal dem Namen nach bekannte – Washington Consensus, jenes unscheinbare Papier aus elf Prinzipien, war nicht einfach ein wirtschaftspolitisches Programm, sondern die geistige Infrastruktur einer neuen Ordnung. Er definierte, was fortan als „vernünftige“ Wirtschaftspolitik galt: Deregulierung, Privatisierung, Kapitalmobilität, Haushaltsdisziplin, Lohnflexibilität. Diese Prinzipien besetzten nicht nur die ökonomische Realität, sondern auch den akademischen Mainstream. Sie prägten Lehrstühle, Curricula, Forschungslogiken – und damit das Denken ganzer Generationen von Ökonominnen und Ökonomen.
Dass heute so viele akademische Ökonomen mit neoliberalen Scheuklappen herumlaufen, ist kein persönliches Versagen, sondern die Folge dieser geistigen Besetzung. Der Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung ist nur das sichtbarste Beispiel. Und man darf nicht vergessen, dass auch Parteien wie die SPD und die Grünen diesem Konsens über Jahre Beifall gespendet haben – oft aus dem Wunsch heraus, „modern“ zu wirken, oft aus dem Druck internationaler Vergleichbarkeit, oft aus der Angst, als wirtschaftspolitisch unvernünftig zu gelten.
Dieser Text beschreibt die Mechanik dieses Einbruchs: wie der Washington Consensus die Verteilungslogik der sozialen Marktwirtschaft umkehrte, wie der Shareholder Value die Stakeholder neutralisierte, und wie aus einer politischen Idee eine ökonomische Selbstverständlichkeit wurde. Wer die Misere der Gegenwart verstehen will, muss diese Tiefenstruktur sehen – und wird dann begreifen, dass die Beschäftigten entgegen den überall zu hörenden Erzählungen nicht über ihre Verhältnisse leben, sondern seit Jahrzehnten unter ihnen.
Die Kolonisierung des akademischen Mainstreams
Die Macht des Washington Consensus lag nicht nur darin, dass Regierungen seine Prinzipien übernahmen, sondern darin, dass er die ökonomische Wissenschaft selbst kolonisierte. Heinz-Josef Bontrup hat eindrucksvoll beschrieben, wie sich diese elf Prinzipien – Deregulierung, Privatisierung, Kapitalmobilität, Haushaltsdisziplin, Lohnflexibilität – schleichend in die Curricula der Universitäten einschrieben. Lehrstühle wurden neu besetzt, Forschungslogiken angepasst, Modelle normiert, und ganze Generationen von Ökonominnen und Ökonomen lernten, dass diese Prinzipien nicht politisch, sondern naturgesetzlich seien. Die ökonomische Realität wurde nicht mehr kritisch untersucht, sondern durch die Brille eines Konsenses betrachtet, der sich selbst für alternativlos hielt. Dass der Sachverständigenrat bis heute in dieser Logik argumentiert, ist kein Zufall, sondern Ausdruck dieser geistigen Besetzung: Er reproduziert nicht die ökonomische Wirklichkeit, sondern die Denkfiguren eines Paradigmas, das sich selbst für neutral hält.
Die Umkehrung der Residualgröße
Mit dem Washington Consensus veränderte sich die Logik der Wertschöpfung grundlegend. In der sozialen Marktwirtschaft war der Unternehmensgewinn die Residualgröße: Er ergab sich aus der realen Produktion, aus den Löhnen, aus den Preisen, aus der Produktivität. Erst wenn all das verhandelt und verteilt war, zeigte sich, was als Gewinn übrig blieb. Diese Logik war nicht nur ökonomisch, sondern demokratisch: Sie machte die Lohnseite zu einem aktiven Verteilungsfaktor.
Mit dem Siegeszug des Shareholder‑Value‑Prinzips wurde diese Ordnung umgedreht. Der Gewinn wurde zur Zielgröße, die vorab definiert und garantiert werden musste. Die Kapitalrendite wurde nicht mehr aus der Wertschöpfung abgeleitet, sondern der Wertschöpfung aufgezwungen. Die Lohnseite verhandelte nicht mehr über ihren Anteil am gemeinsam erzeugten Wert, sondern über den Rest nach der Kapitalbedienung. Das ist die strukturelle Verschiebung, die den Verfall der Reallöhne erklärt – und die politische Blindheit gegenüber der Lohnseite gleich mit.
Die Neutralisierung der Stakeholder
Diese Umkehrung der Residualgröße hatte eine zweite, ebenso folgenreiche Wirkung: Sie neutralisierte die Stakeholder der Wertschöpfung. Früher waren Beschäftigte und Zulieferer Teil eines gemeinsamen Produktionsprozesses, dessen Erfolg sich aus ihrem Beitrag ergab. Sie waren Stakeholder im eigentlichen Sinn: Träger von Ansprüchen, Partner im Aushandeln, Teilhaber am Ergebnis.
Mit dem Washington Consensus wurden sie zu Kostenpositionen. Der Shareholder wurde zur Primärinstanz, die zuerst bedient werden musste, und alle anderen Stakeholder wurden in die Rolle von Variablen gedrängt, die flexibel, anpassbar und im Zweifel kürzbar sein mussten. Zulieferer wurden in globale Lieferketten gedrückt, in denen Preise nicht mehr verhandelt, sondern diktiert werden. Beschäftigte wurden zu „Arbeitskraftunternehmern“, die ihre eigene Verfügbarkeit managen sollen, während ihre Löhne nicht mehr Ausdruck von Wertschöpfung sind, sondern Ausdruck der Restgröße nach Kapitalrendite.
Dass der akademische Mainstream diese Logik bis heute reproduziert – vom Lehrbuch bis zum Sachverständigenrat – ist kein Zufall, sondern die Folge jener geistigen Besetzung, die Bontrup so präzise beschrieben hat.
Die politische Übernahme – auch durch SPD und Grüne
Man darf dabei nicht vergessen, dass der Washington Consensus nicht nur die konservativen oder wirtschaftsliberalen Parteien geprägt hat. Auch die SPD und die Grünen haben ihm über Jahre Tribut gezollt – oft aus dem Gefühl heraus, „modern“ sein zu müssen, oft aus dem Druck internationaler Vergleichbarkeit, oft aus der Angst, als wirtschaftspolitisch unvernünftig zu gelten. Die Agenda‑Politik der frühen 2000er Jahre war nicht einfach ein deutsches Reformprojekt, sondern die nationale Umsetzung jener Prinzipien, die der Washington Consensus als „vernünftige“ Wirtschaftspolitik definiert hatte. Die Grünen übernahmen die Logik der Haushaltsdisziplin und der Marktsteuerung, die SPD die Logik der Lohnflexibilisierung und der Aktivierung. Beide Parteien glaubten, sich damit in die „ökonomische Vernunft“ einzuschreiben – und übersahen, dass sie damit die stabilisierenden Verteilungsmechanismen der sozialen Marktwirtschaft untergruben.
Die semantische Verfestigung
Mit der politischen Übernahme kam die semantische Verfestigung. Begriffe wie „Wettbewerbsfähigkeit“, „Flexibilisierung“, „Modernisierung“, „Haushaltsdisziplin“ oder „Entlastung“ wurden zu politischen Naturbegriffen. Sie verloren ihren ideologischen Charakter und wurden zu scheinbar objektiven Kategorien, die nicht mehr hinterfragt wurden. Die Politik begann, in diesen Begriffen zu denken, die Medien begannen, in ihnen zu berichten, und die Wissenschaft begann, in ihnen zu modellieren. Die semantische Ordnung wurde zur Realität.
Und genau deshalb wirkt die heutige politische Ökonomie so hohl: Sie operiert nicht mehr mit der Wirklichkeit, sondern mit Begriffen, die aus einem Paradigma stammen, das die Verteilungslogik der Gesellschaft bereits vor Jahrzehnten umgebaut hat. Die Misstrauenssemantik gegenüber Beschäftigten, die Figur des Arbeitskraftunternehmers, die politische Blindheit gegenüber der Lohnseite – all das sind Symptome dieser semantischen Verfestigung.
Die Perversion der kapitalgedeckten Rente
In dieser Logik erscheint die kapitalgedeckte Rente als Fortschritt, als Modernisierung, als „Teilhabe am Produktivvermögen“. In Wahrheit ist sie die strukturell zwingende Fortsetzung des Shareholder‑Value‑Paradigmas. Sie macht Lohnempfänger zu Anteilseignern eines Mechanismus, der hauptverantwortlich dafür ist, dass ihre Reallöhne seit Jahrzehnten stagnieren. Die Beschäftigten sollen sich an jener Logik beteiligen, die sie selbst entwertet: Sie zahlen in Fonds ein, deren Rendite aus Lohnzurückhaltung entsteht, und sollen später von genau dieser Lohnzurückhaltung profitieren. Das ist die falsche Quadratur des Kreises, die politische Ökonomie zur Selbstparodie macht.
Man sieht die Perversion der Idee bereits auf den Hauptversammlungen, wenn Kleinaktionäre – jene, die die Vorstände am liebsten vermeiden würden – ihre Sitz- und Stimmrechte fast ausschließlich zur Einforderung von Shareholder‑Value‑Ansprüchen nutzen. Die kapitalgedeckte Rente zwingt die Beschäftigten in genau diese Rolle: nicht als Stakeholder der Wertschöpfung, sondern als Kleinst‑Shareholder eines Systems, das sie selbst strukturell schwächt. Dass diese Konstruktion als „Vorsorge“ verkauft wird, ist Ausdruck jener semantischen Verfestigung, die den Washington Consensus bis heute trägt.
Die Tiefenstruktur der Misere
Die heutige politische Ökonomie ist deshalb so blind gegenüber der Lohnseite, weil sie nicht mehr aus der Wirklichkeit heraus gedacht ist, sondern aus einem Paradigma, das die Verteilungslogik der Gesellschaft bereits vor Jahrzehnten umgebaut hat. Der Washington Consensus hat die ökonomische Realität und die ökonomische Wissenschaft zugleich besetzt, und die Politik – von Konservativen über Liberale bis hin zu SPD und Grünen – hat diese Besetzung übernommen, oft ohne zu bemerken, dass sie damit die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft preisgab.
Wer die Misere der Gegenwart verstehen will, muss diese Tiefenstruktur sehen – und begreifen, dass die Beschäftigten nicht über ihre Verhältnisse leben, sondern seit Jahrzehnten unter ihnen. Das ist einfachste Ökonomie. Erst wenn diese Wahrheit wieder sagbar wird, kann die politische Ökonomie aus dem Schatten des Washington Consensus heraustreten.
Die hier beschriebene Umformung der ökonomischen Ordnung hat nicht nur die Rentenpolitik geprägt, sondern auch die Arbeitswelt selbst. Die kapitalgedeckte Rente werde ich im nächsten Blogtext analysieren; die gesellschaftliche Figur des Arbeitskraftunternehmers ist Thema eines eigenen Essays, der für den Humanistischen Pressedienst vorgesehen ist.
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