Einmal mehr mischt sich in meine analytische Arbeit ein Grundton von Verzweiflung. Nicht, weil die Lage völlig hoffnungslos wäre, sondern weil die politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger in einem Hamsterrad aus Routinen, Reflexen und semantischen Selbsttäuschungen gefangen sind, das längst gefährliche Drehzahlen erreicht hat. Und sie merken es nicht.

a crowd of people in religious gathering
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Was man in Talkrunden hört, was man in politischen Beiträgen liest, was selbst altgediente Akteure öffentlich vertreten, zeigt ein erschreckendes Maß an ökonomischem Unverständnis. Nicht aus bösem Willen, nicht aus Ignoranz, sondern weil die politische Sprache der letzten 30, 35 Jahre ihre Wahrnehmung kolonisiert hat. Begriffe wie „Lohnnebenkosten“, „Wettbewerbsfähigkeit“, „Beitragsstabilität“ oder „Soziallasten“ sind längst nicht mehr nur rhetorische Instrumente. Sie sind zu mentalen Betriebssystemen geworden, die bestimmen, was als Problem gilt, was als Lösung erscheint und was überhaupt noch denkbar ist. Die Politik ist in ihrer eigenen Semantik gefangen — und das macht sie blind für die Mechanismen, die sie selbst erzeugt hat.

Diese Semantik hat eine Geschichte. Sie entstand nicht zufällig, sondern in einer ganz bestimmten historischen Konstellation: den frühen 2000er Jahren, als die Agenda‑Politik die Lohnsumme strukturell schwächte. Damals wurden Vollzeitstellen durch Minijobs, Leiharbeit und atypische Beschäftigung ersetzt. Die Lohnsumme stagnierte oder sank, und weil die Sozialversicherungen direkt an diese Lohnsumme gekoppelt sind, gerieten sie unter Druck. Die politische Reaktion bestand nicht darin, die Lohnsumme zu stärken. Stattdessen wurde die Sprache verändert. Der Begriff der „Lohnnebenkosten“ etablierte sich. Es war die Geburtsstunde einer Semantik, die bis heute wirkt: Löhne wurden zu „Kosten“, Sozialbeiträge zu „Lasten“, Arbeitgeberbeiträge zu „Nebenkosten“, Der Begriff der „Lohnnebenkosten“ wurde zum Fetisch. Die Beteiligung der Beschäftigten am Produktivitätszuwachs verschwand aus dem Diskurs und machte dem „Inflationsausgleich“ als Ziel der Lohnpolitik Platz. Die eigentliche Ursache — die politisch erzeugte Schwächung der Lohnsumme — wurde unsichtbar gemacht.

Heinz‑J. Bontrup hat diese Mechanik früh und klar benannt. Für ihn war das Narrativ der „zu hohen Löhne“ nicht nur falsch, sondern ökonomisch absurd. Löhne können gar nicht „zu hoch“ sein, solange sie der Produktivität entsprechen. Das ist keine politische Meinung, sondern eine volkswirtschaftliche Identität. Wenn die Produktivität steigt, kann der Lohn steigen, ohne die Kosten pro Einheit zu erhöhen. Wenn der Lohn nicht mit der Produktivität steigt, sinkt der Lohnanteil am Volkseinkommen. Wenn der Lohnanteil sinkt, steigt der Gewinnanteil. Und wenn der Gewinnanteil steigt, ohne dass investiert wird, entsteht eine Nachfrage‑Lücke. Die Behauptung, Löhne seien „zu hoch“, ist deshalb nur dann plausibel, wenn man die Produktivität absichtlich aus der Gleichung entfernt. Genau das ist politisch geschehen.

Besonders heftig reagierte Bontrup immer dann, wenn jemand das „Lohnniveau“ anderer Länder mit dem Deutschlands verglich. Für ihn war das ein Kategorienfehler, der so grob war, dass er ihn fast körperlich schmerzte. Man könne genauso gut den Ertrag des Apfelbaums mit dem des Pflaumenbaums vom Nachbarn vergleichen, pflegte er zu sagen. Der Vergleich ist sinnlos, weil er die entscheidende Größe ignoriert: die Produktivität. Nicht das Lohnniveau ist relevant, sondern die Lohnstückkosten — also die Lohnkosten pro produzierter Einheit.

Und genau hier liegt der Kern des Missverständnisses. Deutschland hat seit Jahrzehnten niedrige Lohnstückkosten, weil die Produktivität hoch ist. Dass wir heute die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt sind, ist kein Zufall, sondern der empirische Beleg dafür, dass wir weder „zu hohe Löhne“ noch „mangelnde Wettbewerbsfähigkeit“ haben. Im Gegenteil: Die Kombination aus hoher Produktivität und moderaten Lohnstückkosten ist der Grund für unsere wirtschaftliche Stärke. Doch statt diese Stärke zu erkennen, redet man das Land seit Jahren systematisch klein und nimmt es in den Würgegriff einer neoliberalen Angebotspolitik, die die Realität auf den Kopf stellt.

Die politische Semantik hat dabei ganze Arbeit geleistet. Wer ständig von „Lohnnebenkosten“ spricht, erzeugt den Eindruck, dass Arbeit künstlich verteuert werde. Wer „Wettbewerbsfähigkeit“ beschwört, suggeriert, dass Löhne ein Standortproblem seien. Wer „Beitragsstabilität“ fordert, tut so, als sei jede Erhöhung ein politisches Versagen. Und wer Sozialleistungen als „Lasten“ bezeichnet, verschiebt die Wahrnehmung so weit, dass die Rückverlagerung sozialstaatlicher Leistungen auf die privaten Haushalte plötzlich als „Entlastung“ erscheint. In Wahrheit entlastet sie ausschließlich die Arbeitgeber. Die Beschäftigten zahlen mehr aus ihrem Netto, die Arbeitgeber zahlen nichts zusätzlich. Die Lohnsumme bleibt niedrig, die Sozialversicherungen werden durch private Zwangszahlungen stabilisiert, was die niederliegende Binnennachfrage weiter schwächt, und die Politik verkauft das als Modernisierung. Das ist keine Modernisierung. Das ist staatlich organisierte Lohndrückerei.

Parallel zur Lohnsummenkrise der ersten Hälfte der 2000er Jahre wurde die Lohnentwicklung systematisch von Produktivität und Inflation entkoppelt. Die Gewerkschaften haben sich — oft aus falsch verstandener Verantwortung — in Lohnzurückhaltung geübt. Sie wollten Arbeitsplätze sichern, Standorte schützen, Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Doch sie zahlten einen hohen Preis: Sie verloren ihre Rolle als Garant der Lohnentwicklung und gerieten in ein Identitätsvakuum. Gleichzeitig vertrat der Sachverständigenrat — mit einer einzigen abweichenden Stimme — seit dieser Zeit das Gegenteil des keynesianischen Lohnparadigmas, das Löhne an Produktivität und Inflation orientierte. Die reale Politik tat alles, um die Lohnsumme unter dieser Entwicklung zu halten.

Die heutige Reform ist die Fortsetzung dieser Logik. Man darf den lohn- und Arbeitsmarktpolitischen Hintergrund der „Reformen des Sozialstaats“ nicht übersehen. Die Löhne stagnieren, die Lohnsumme wächst zu langsam, die Sozialversicherungen geraten unter Druck — und die politische Antwort lautet erneut: „Wir müssen die Soziallasten senken.“ In der Praxis bedeutet das nichts anderes als die Rückverlagerung sozialstaatlicher Leistungen auf die privaten Haushalte. Zuzahlungen, Eigenanteile, Leistungskürzungen — all das entlastet ausschließlich die Arbeitgeber. Die Beschäftigten zahlen mehr aus ihrem Netto, die Arbeitgeber zahlen nichts zusätzlich. Die Lohnsumme bleibt niedrig, das Netto am Monatsende sinkt weiter, die Sozialversicherungen werden entlastet, aber nicht durch höhere Beiträge, sondern durch private Zwangszahlungen. Bontrup hätte das — völlig zu Recht — als verkappte Lohnsenkung bezeichnet. Und er hätte hinzugefügt: „Merkt keiner — aber so steuert man den Lohnanteil asymptotisch gegen Null.“ Eine gesamtwirtschaftliche Abwärtsspirale, die schon bedenklich lange gelaufen ist.

Genau das geschieht. Die Politik merkt es nicht, weil sie in ihrer eigenen Semantik gefangen ist. Und solange diese Semantik nicht durchbrochen wird, bleibt das Hamsterrad in Bewegung. Wir werden aus diesem Kreislauf nicht herauskommen, solange wir nicht den Mut zu einem Paradigmenwechsel haben: einer Rückkehr zur Kopplung der Löhne an Produktivität und Inflation, einer ehrlichen Anerkennung, dass Sozialbeiträge Lohnbestandteile sind, einer Abkehr vom Standort‑Mantra und einer politischen Sprache, die nicht verschleiert, sondern erklärt. Ohne diesen Wechsel bleibt alles, wie es ist — nur schlimmer.