Warum das Geo‑Scoring der Schufa die Realität verfehlt

Altes Krayer Rathaus,
Ausdruck einer wohlhabenden Arbeitergemeinde der 1930er Jahre.
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Die Schufa ist derzeit mal wieder in aller Munde. Trifft es zu, was unter anderem der NDR ermittelt haben will, dann führt die Schufa eine Schattendatenbank mit der gesamten Historie früherer Einträge. Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was man von der ohnehin seit Jahrzehnten in der Kritik stehenden Schufa erwarten muss. Nehmen wir dies aber nur einmal zum Anlass, einen bestimmten Punkt des Scoring zu beleuchten.

Mein eigener Score ist „belastet“ von der schlichten Tatsache meines Wohnortes, dem sogenannten Geo-Scoring. Ein Algorithmus, der Stadtteile bewertet, als wären sie statische Risikozonen, trifft auf eine Stadt wie Essen – und scheitert an der Realität. Vielleicht liegt es daran, dass Stadtteile keine Zahlen sind, sondern Geschichten. Und vielleicht liegt es daran, dass ich selbst in diesen Geschichten aufgewachsen bin.

Meine Kindheit verbrachte ich in Kray, eingebunden in eine Großelternfamilie, die im Stadtteil als sozialer Anker galt. Kray war kein „Risiko“, sondern ein Ort der Verlässlichkeit. Ein Arbeiterstadtteil, ja – aber einer, der 1929 – im Zeitpunkt der Eingemeindung nach Essen – zu den reichsten Gemeinden Preußens gehörte. Nicht trotz seiner Sozialstruktur, sondern wegen ihr. Die industrielle Prosperität, die hohe Beschäftigungsquote, die dichte soziale Einbettung: Das war Wohlstand, der nicht auf Repräsentation beruhte, sondern auf Arbeit, Solidarität und Alltagskultur.

Wenn die Schufa heute Kray algorithmisch abwertet, dann tut sie das mit einem Blick, der weder Geschichte noch Gegenwart kennt. Sie sieht statistische Cluster, nicht Menschen. Sie sieht Postleitzahlen, nicht Lebensläufe. Sie sieht „Umfeldrisiko“, wo in Wahrheit ein historisch gewachsener Stabilitätsraum liegt.

Nach Kray zog meine Familie nach Schonnebeck, dem benachbarten Stadtteil ähnlicher Struktur, weil dort eine bessere Wohnung verfügbar war. Auch das ein typischer Schritt jener Zeit: Mobilität innerhalb eines Milieus, das sich nicht über Prestige definierte, sondern über Lebensqualität. Später, mit meinem Berufseinstieg, verschlug es mich ins Nordviertel – ein Stadtteil im Wandel, urban, durchmischt, mit einer eigenen Dynamik. Dann nach Burgaltendorf, suburban, ruhig, fast schon ein Kontrastprogramm. Mit meiner Heirat nach Steele, einem Stadtteil mit langer Geschichte und eigener Identität und mit dem benachbarten Kray eng verbunden. Und nach dem Tod meiner Frau ganz bewusst wieder zurück nach Kray.

Diese Rückkehr war kein Zufall. Sie war eine Entscheidung für Einbettung, für Vertrautheit, für ein soziales Netz, das trägt. Kray ist ein Stadtteil, in dem die zweite und dritte Generation der zugewanderten Bergarbeiter nicht mehr „integriert“ wird, sondern längst Teil des kollektiven Selbstverständnisses ist. Hier findet keine Integration statt, weil sie nicht mehr nötig ist. Hier wird gemeinsam gelebt.

Links neben mir der türkische Gemüsehändler mit der besten Ware weit und breit. Gegenüber ein Edeka, geführt von einem engagierten Zuwanderer der dritten Generation. Ein Stück weiter der türkische Bäcker, der eine Art sozialen Knotenpunkt darstellt. Ein Moscheeraum im alten Bahnhof Kray‑Nord, der ohne jeden Konflikt funktioniert. Und jedes Jahr die Einladung zum Fastenbrechen – nicht als Geste der „Integration“, sondern als Ausdruck gelebter Nachbarschaft.

Das ist die Realität eines Stadtteils, den die Schufa als „Adressrisiko“ führt.

Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Denn das Geo‑Scoring der Schufa ist nicht einfach unpräzise. Es ist sozial blind. Es reproduziert alte bürgerliche Vorurteile, die mit der Wirklichkeit moderner Stadtteile nichts mehr zu tun haben. Es tut so, als seien Bredeney oder Stadtwald per se „solide“, während Arbeiterstadtteile wie Kray, Steele oder Schonnebeck als „riskant“ gelten. Das ist die algorithmische Fortschreibung eines Wohnlagenmodells aus den 1950er Jahren – und es ist falsch.

Essen ist eine Stadt, deren Stadtteile historisch kontingent sind. Sie verändern sich, sie wandeln sich, sie erfinden sich neu. Arbeiterstadtteile waren über Jahrzehnte ökonomische Kraftzentren. Bürgerliche Viertel waren Repräsentationsräume, nicht unbedingt Orte sozialer Kohäsion. Und viele Stadtteile – Holsterhausen, Frohnhausen, Borbeck – haben sich mehrfach transformiert. Die Schufa ignoriert diese Dynamik vollständig.

Ein Stadtteil ist mehr als eine Adresse. Er ist ein historischer Raum, ein sozialer Körper, ein Geflecht aus Beziehungen, Erinnerungen, Alltagspraktiken. Wer Stadtteile bewertet, ohne ihre Geschichte zu kennen, bewertet nicht Menschen – sondern Klischees. Und wer aus diesen Klischees Zahlen macht, die über Kreditwürdigkeit, Mietverträge oder wirtschaftliche Teilhabe entscheiden, handelt nicht nur unpräzise, sondern ethisch fragwürdig.

Vielleicht ist es an der Zeit, die Schufa daran zu erinnern, dass Stadtteile keine Risikozonen sind, sondern Lebensräume. Und dass Kray – dieser vermeintliche „Problemstadtteil“ – historisch und gegenwärtig ein Beispiel dafür ist, wie soziale Einbettung, Zuwanderung, Alltagskultur und ökonomische Stabilität zusammenwirken können. Ein Beispiel dafür, dass die Realität komplexer ist als jeder Score.

Und ein Beispiel dafür, dass ein Algorithmus, der diese Realität nicht kennt, nicht über Menschen urteilen sollte. Und mehr: Es sollte ihn gar nicht geben.


Vielleicht lohnt sich ein genauerer Blick auf das alte Krayer Rathaus, das oft übersehen wird, obwohl es ein architektonisches Statement ist. Es gilt als der größte erhaltene Jugendstil‑Zweckbau, der bis heute genau so genutzt wird, wie er einst geplant wurde. Das ist kein museales Relikt, sondern ein funktionierendes Gebäude, das die Geschichte des Stadtteils in die Gegenwart trägt. Ein Rathaus dieser Größe und Qualität baut man nicht in einem „Risiko‑Stadtteil“, sondern in einer Gemeinde, die sich ihrer eigenen Stärke bewusst war und sie sichtbar machen wollte.

Dass dieser Bau bis heute steht, genutzt wird und gepflegt ist, widerspricht der Vorstellung, Kray sei ein Ort mit strukturellem Defizit. Im Gegenteil: Er zeigt, dass Kray eine Tradition von Wohlstand, Selbstbehauptung und kommunaler Stabilität besitzt, die sich materiell erhalten hat. Ein Algorithmus, der all das nicht sieht, sondern den Stadtteil auf eine Postleitzahl reduziert, verfehlt die Realität vollständig.

Kray trägt seine Geschichte noch heute offen zur Schau. Gleich gegenüber vom Rathaus das ehemalige Bürgermeisterhaus, in dem der Vater von Vera Brühne seinerzeit als Bürgermeister residierte – ein Haus, das zeigt, dass lokale Autorität und soziale Anerkennung in Kray nicht aus Distinktion, sondern aus Einbettung erwuchsen.

Und dann die Barbarakirche, deren Turm der höchste in ganz Essen ist. Ein Arbeiterstadtteil mit dem höchsten Kirchturm der Stadt – das ist keine Kuriosität, sondern ein Symbol. Es erzählt von einer Gemeinde, die sich etwas leisten konnte und es auch wollte. Die Gründerzeit- und Jugendstilfassaden, die heute durchweg restauriert sind, erzählen dieselbe Geschichte: Kray war nie ein Ort des Mangels, sondern einer mit Substanz. Selbst der Volksgarten, vor wenigen Jahren neu gestaltet, zeigt, dass der Stadtteil sich erneuert, ohne seine Identität zu verlieren.

All das steht sichtbar da – und widerspricht dem Bild, das ein algorithmisches Geo‑Scoring zeichnet. Wer Kray als „Adressrisiko“ einstuft, hat nicht hingesehen. Oder wollte nicht hinsehen.