Biotechnologisch hergestellte Arzneimittel – kurz Biologika – gehören zu den wichtigsten therapeutischen Innovationen der letzten Jahrzehnte. Sie haben die Behandlung von Autoimmunerkrankungen, Krebs, seltenen Erkrankungen und vielen chronischen Leiden grundlegend verändert. Ihr medizinischer Wert ist unbestritten.

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Aber Biologika sind teuer. Und zwar nicht ein bisschen, sondern strukturell.

Warum Biologika so teuer sind

Biologika werden nicht chemisch synthetisiert, sondern in lebenden Zellsystemen produziert. Das bedeutet:

  • hochkomplexe Herstellungsprozesse
  • empfindliche Produktionsketten
  • enorme Investitionskosten
  • lange Entwicklungszeiten
  • aufwendige Qualitätskontrollen

Selbst nach Patentablauf bleiben die Preise hoch, weil Biosimilars – anders als Generika – nicht einfach kopiert werden können. Wettbewerb existiert, aber er ist begrenzt.

Für die GKV sind Biologika deshalb ein zentraler Kostentreiber. Rabattverträge sind eines der wenigen Instrumente, um diese Kosten zu dämpfen.

Die neue politische Idee: Rabattverträge aussetzen

Union und SPD schlagen nun vor, für patentfreie Biologika die exklusiven Rabattverträge auszusetzen. Begründung: Versorgungssicherheit und Stärkung des Produktionsstandorts Europa.

Open-House-Verträge sollen weiter möglich bleiben – also Rabatte, die allen Herstellern offenstehen und damit keinen echten Preiswettbewerb erzeugen.

Die Logik dahinter ist fragwürdig.

Warum das der falsche Weg ist

Versorgungssicherheit entsteht nicht dadurch, dass man die letzten wirksamen Preisbegrenzungsmechanismen abschaltet. Kein Hersteller baut eine neue Produktionslinie in Deutschland, weil für ein paar Jahre keine exklusiven Rabattverträge ausgeschrieben werden. Produktionsentscheidungen in der Biotechnologie folgen:

  • globalen Marktpreisen
  • regulatorischer Stabilität
  • langfristigen Abnahmegarantien
  • Investitions- und Energiekosten

Nicht aber einer temporären Rabattvertrags-Pause in einem einzelnen Gesundheitssystem.

Gleichzeitig fordert die Politik im Rahmen des „Beitragssatzstabilisierungsgesetzes“ milliardenschwere Einsparungen – quer durch alle Leistungsbereiche. Die AOK-Vorsitzende Carola Reimann bringt es auf den Punkt: Man kann nicht einerseits sparen wollen und andererseits ausgerechnet bei den teuersten Arzneimitteln die Sparinstrumente lockern.

Ein politischer Reflex – und ein industriepolitisches Missverständnis

Was hier sichtbar wird, ist ein klassischer gesundheitspolitischer Kurzschluss:

  • „Versorgungssicherheit“ wird als rhetorischer Joker genutzt.
  • Standortpolitik wird mit Preisregulierung verwechselt.
  • Die Pharmaindustrie wird hofiert, ohne dass erkennbar wäre, dass dies irgendeinen strukturellen Nutzen erzeugt.

Es ist Symbolpolitik: sichtbar, wohlklingend, aber systemisch wirkungslos.

Was wirklich helfen würde

Wer Versorgungssicherheit ernst meint, müsste:

  • Produktionskapazitäten in Europa langfristig fördern
  • regulatorische Verfahren beschleunigen
  • Lagerhaltungspflichten definieren
  • Lieferketten diversifizieren
  • strategische Reserven aufbauen

Das ist komplex, teuer und politisch weniger attraktiv als ein schneller Eingriff in Rabattverträge. Aber nur das würde tatsächlich Resilienz schaffen.