Manchmal zeigen uns digitale Systeme Dinge, die wir selbst nie entdeckt hätten.
Vor ein paar Jahren habe ich für meinen Sohn einen kleinen Stammbaum auf MyHeritage angelegt. Ein paar Urgroßeltern, ein paar Seitenlinien — nichts Großes. Eher ein freundlicher Versuch, die Vergangenheit nicht ganz im Nebel verschwinden zu lassen.

Dann kam Norwegen.
Genauer gesagt: eine Cousine meiner Frau, die dorthin geheiratet hat. Eine wunderbare Familie ist dort entstanden. Und eine ihrer Töchter hat irgendwann begonnen, mit Leidenschaft einen eigenen Stammbaum aufzubauen. Leidenschaft ist in genealogischen Systemen eine exponentielle Größe. Und so wuchs dieser Stammbaum — und wuchs — und wuchs.
Irgendwann tauchten meine Frau und ich darin auf.
Nicht als zentrale Figuren, sondern als kleine, aber stabile Knotenpunkte in einem norwegischen Netzwerk, das inzwischen größer ist als unser deutsches.
Seitdem bekomme ich Mitteilungen über neue genealogische Eingliederungen wie:
„Olava (1874–1942), Urgroßmutter des Mannes der Cousine der Ehefrau.“
Das ist herrlich präzise und herrlich absurd zugleich.
Ein Algorithmus, der Verwandtschaft nicht nach Nähe sortiert, sondern nach Logik.
Ein genealogischer Satzbau, der klingt wie ein juristisches Gutachten und gleichzeitig eine Art nordische Poesie entfaltet.
Und doch berührt mich das.
Denn diese norwegischen Linien sind nicht die einzigen Fäden, die sich durch meine Geschichte ziehen. Sie sind nur durch Zufall sichtbar geworden.
Die Familie Endruscheit stammt ursprünglich aus der Gegend um Riga. Der Name wird als „Sohn von Andreas“ gedeutet — ein sprachliches Fossil aus einer Zeit, in der Namen noch Herkunft erzählten („-scheit“ fungiert als genealogische Nachsilbe, so wie in den skandinavischen Sprachen das „-son“ oder „-dottir“). Später siedelte sich die Familie im damaligen nördlichen Ostpreußen an, im Memelgebiet (Elbings Kolonie, Kreis Niederung). Alte Karten belegen sogar, dass es als ursprüngliche Siedlungsstelle der Familie eine Örtlichkeit gab, die „Endruscheiten“ genannt wurde – ein kleiner Flecken aus ein paar bescheidenen Häusern. Heute auf russischem Gebiet. Die Familie ging in Lohnarbeit dort der Wald- und Holzarbeit nach.
Erst nach dem Ersten Weltkrieg kamen die Endruscheits ins Ruhrgebiet — und damit in eine Welt, die für mich bis heute voller Stimmen ist.
Ich habe Berichte aus Ostpreußen noch aus „erster Hand“ gehört: von meinem Vater, von meinem Onkel, mit all den Bildern, Atmosphären und Ortsnamen, die in einer Familie weiterleben, lange nachdem die Orte selbst verschwunden sind.
Und auch die mütterliche Seite trägt ihre eigenen Fäden.
Mein Großvater mütterlicherseits war der einzige wirklich Bodenständige in dieser weit verzweigten Familiengeschichte. Er stammte aus der Gegend, wo das Münsterland ins Ruhrgebiet übergeht, und kam nach Essen-Kray, um sich als Bergarbeiter zu verdingen. Er sprach einen Dialekt, der wie eine kleine Sprachinsel klang: Ruhrgebiet mit niederdeutsch-westfälischem Einschlag.
Meine Großmutter hingegen kam aus Schlesien — und damit aus einer Welt, die zwangsläufig eine bewegte Lebensgeschichte mit sich brachte.
Mir wurde noch ganz authentisch erzählt, wie sie 1921 zur Volksabstimmung über die territoriale Zugehörigkeit von Oberschlesien fuhr und meine Mutter — damals vier Jahre alt — mangels Betreuungsmöglichkeiten einfach mitnahm.
Ortsnamen wie Willamowen oder Ortelsburg sind mir bis heute vertraut, obwohl ich sie nie gesehen habe. Sie gehören zu meinem inneren Landkartenmaterial.
Wenn man das einmal zusammennimmt — das Baltikum, Ostpreußen, Schlesien, das Ruhrgebiet, Norwegen — dann wird klar, wie weit wir Menschen schon nach wenigen Generationen durch unsichtbare Fäden verbunden sind.
Fäden, die durch Kriege, Wanderungen, Not, Zufälle und Entscheidungen gespannt wurden.
Fäden, die wir nicht kennen, die aber trotzdem da sind.
Fäden, die uns mit Menschen verbinden, deren Leben wir nie berührt haben — und die doch irgendwie Teil unserer Geschichte geworden sind.
Ich würde nie auf die Idee kommen, diese digitalen Verbindungen in den norwegischen Stammbaum zu löschen.
Aber ich muss sie auch nicht ausdrücklich „autorisieren“.
Es reicht, sie mit einem leisen Lächeln zu betrachten — als Erinnerung daran, dass wir alle weniger isolierte Individuen sind, als wir glauben.
Vielleicht sind wir am Ende vor allem eines:
Kreuzungspunkte. Orte, an denen sich die Fäden vieler Leben für einen Moment bündeln, bevor sie weiterziehen.
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