Es gibt politische Vorschläge, die weniger nach Reform klingen als nach dem Geräusch einer Buchung im Haushaltsplan. Der Gedanke, die Zahnmedizin aus der gesetzlichen Krankenversicherung herauszulösen, gehört in diese Kategorie. Er spart nichts, er verschiebt nur – zeitlich, sozial und medizinisch.

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Zahn- und Mundgesundheit sind kein luxuriöser Randbereich, sondern ein Paradebeispiel für wirksame Prävention. Wo regelmäßig kontrolliert, früh behandelt und niedrigschwellig versorgt wird, bleiben schwere Erkrankungen selten. Genau deshalb ist dieser Bereich aus gesundheitsökonomischer Sicht besonders effizient organisiert – und genau deshalb wäre seine Privatisierung so teuer. Man privatisiert günstige Vorsorge und sozialisiert später teure Folgeschäden.

Die Rechnung ist einfach: Weniger Vorsorge führt zu mehr fortgeschrittenen Erkrankungen. Diese betreffen nicht nur Zähne, sondern Ernährung, Herz-Kreislauf-System, Stoffwechsel und psychische Gesundheit. Die Kosten verschwinden nicht, sie tauchen später wieder auf – verteilt über andere Leistungsträger, andere Budgets und andere Jahre. Politisch ist das bequem, volkswirtschaftlich ist es kurzsichtig.

Es ist breiter Konsens in Prävention und Versorgungsforschung: Die zahnmedizinische Prävention gehört zu den erfolgreichsten präventiven Interventionen im gesamten Gesundheitssystem.

In den letzten Jahrzehnten ist es gelungen,

  • Karies bei Kindern und Jugendlichen drastisch zu reduzieren
    (Stichwort: fluoridhaltige Zahnpasta, Gruppenprophylaxe, Fissurenversiegelung),
  • Zahnverlust ins höhere Alter zu verschieben – heute behalten viele Menschen ihre eigenen Zähne bis ins Alter,
  • Parodontalerkrankungen früher zu erkennen und zu bremsen,
    bevor sie systemische Folgen entfalten.

Das Entscheidende dabei:
Diese Erfolge sind nicht primär durch Hightech entstanden, sondern durch regelmäßige Vorsorge, niedrige Zugangshürden und standardisierte, unspektakuläre Maßnahmen. Genau das ist der klassische Präventionsmix, den solidarische Systeme gut können.

Hinzu kommt, dass Zahnstatus einer der sichtbarsten Marker sozialer Ungleichheit ist. Wer ihn dem privaten Markt überlässt, verstärkt nicht Effizienz, sondern den sozialen Gesundheitsgradienten. Menschen mit höherem Risiko zahlen mehr oder verzichten ganz, während Schäden sich verfestigen und vererben. Das sind externe Effekte, die kein Versicherungsmarkt sinnvoll abbildet, aber eine solidarische Finanzierung sehr wohl.

Gesundheitsökonomisch besonders interessant

Zahnmedizinische Prävention ist ein Sonderfall im positiven Sinne:

  • klar definierte Risikofaktoren,
  • gut messbare Interventionen,
  • kurze Feedback-Schleifen (Erfolg oder Misserfolg wird schnell sichtbar),
  • vergleichsweise geringe Kosten pro gewonnenem Gesundheitsjahr.

In anderen Worten:
Wenn man irgendwo im Gesundheitssystem guten Gewissens von „Return on Investment“ sprechen darf, dann hier.

Und jetzt der paradoxe Teil

Ausgerechnet ein Bereich, der funktioniert, der Kosten senkt statt verlagert und der soziale Ungleichheit abfedern kann, soll aus der solidarischen Finanzierung herausgenommen werden.

Der Vorschlag ist deshalb kein Ausdruck von Mut zur Reform, sondern von Scheu vor der eigentlichen Debatte. Er umgeht die Frage nach fairer Finanzierung, nach Einnahmenbasis und Verteilung, indem er einen funktionierenden Versorgungsbereich aus dem System schneidet. Was als Sparmaßnahme verkauft wird, ist in Wahrheit eine Verschiebung der Kosten in die Zukunft – regressiv, intransparent und medizinisch vermeidbar.

Gesundheitsökonomisch betrachtet ist das kein Umbau, sondern eine Amputation. Und wie bei allen Amputationen stellt sich erst später heraus, dass der vermeintliche Gewinn an Leichtigkeit mit einem dauerhaften Verlust an Stabilität bezahlt wurde.


Ich sehe mich als nüchternen Analytiker, aber in diesem Falle würde ich auch s<gen: Wenn man keine Ahnung hat, einfach …