Wie ein Univadis‑Artikel unfreiwillig die deutschen Irrwege offenlegt

Es gibt Texte, die mehr über ein Thema verraten, als sie eigentlich sagen wollen. Der jüngste Univadis‑Artikel zur Digitalisierung im Gesundheitswesen gehört in diese Kategorie. Er präsentiert Ergebnisse des Innovationsfondsprojekts „NADI – Nutzen und Akzeptanz von Digital Health“ und benennt drei Erfolgsfaktoren: gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen, Investitionen und spürbar nutzenbringende Funktionen.
Das klingt zunächst vernünftig. Doch liest man genauer, zeigt der Text vor allem eines: Wie wenig die deutsche Digitalisierungsdebatte das eigene Problem versteht.
1. Die ePA als Fossil – und der Glaube an das rettende Feature
Der wissenschaftliche Projektleiter wird mit dem Satz zitiert:
„Die elektronische Patientenakte, so wie sie jetzt ist, stiftet unheimlich wenig Mehrwert. Das würde sich sofort ändern, wenn der Impfausweis in ihr integriert wäre.“
Das ist bemerkenswert – und zwar nicht wegen des Impfausweises, sondern wegen des Denkfehlers dahinter.
Die ePA ist kein modernes digitales Instrument, sondern ein PDF‑Depot in der Brieftasche. Ein Container ohne Struktur, ohne Registeranbindung, ohne Datenlogik. Jede Erweiterung auf dieser Basis wäre eine Fehlinvestition, weil sie das Grundproblem nicht löst:
Ohne Registerdaten gibt es keine Digitalisierung, die diesen Namen verdient.
Ein digitaler Impfpass ohne Impfregister ist ein hübscherer Zettel.
Ein digitaler Medikationsplan ohne Arzneimittelregister ist ein besseres Word‑Dokument. Eine digitale Akte ohne Datenmodell ist ein Ordner mit Upload‑Funktion.
Dass der Artikel den Impfausweis als Heilsbringer präsentiert, zeigt vor allem, wie sehr man in Deutschland glaubt, Digitalisierung sei eine Frage der Features – nicht der Infrastruktur.
2. Der Klassiker: Kommunikation wird für Digitalisierung gehalten
Als weitere Positivbeispiele nennt der Artikel:
- Onlineterminvergabe
- Videosprechstunden
Das ist ungefähr so, als würde man den Versand einer E‑Mail als „digitale Verwaltung“ bezeichnen.
Eine Videosprechstunde ist kein digitaler Prozess, sondern ein Telefonat mit Bild.
Digitalisierung beginnt dort, wo Daten strukturiert, verknüpft, automatisiert und interoperabel werden.
Dass der Artikel diese Beispiele ernsthaft als Belege für erfolgreiche Digitalisierung anführt, zeigt, wie tief das Missverständnis sitzt:
Man verwechselt digitale Kommunikation mit digitaler Transformation.
3. Investitionen: Der einzige Punkt, der wirklich stimmt
Der Text wird an einer Stelle ungewohnt ehrlich:
„Die Grundlogik des deutschen Gesundheitssystems, von der Hand in den Mund zu leben, funktioniert nicht.“
Das ist richtig. Und es ist der einzige Satz, der das Problem wirklich trifft.
Länder wie Dänemark, Estland oder Finnland investieren seit Jahren massiv in:
- Register
- Identitäten
- Infrastruktur
- Governance
- Standards
Deutschland investiert in:
- Modellprojekte
- Pilotversuche
- politisch motivierte Einzelanwendungen
Und wundert sich dann über mangelnden Nutzen.
4. Das Niedersachsen‑Beispiel: Digitalisierung durch Selbstnutzung
Der Artikel erzählt, die KV Niedersachsen habe Videosprechstunden lange bekämpft – bis sie sie im eigenen Bereitschaftsdienst einsetzte. Danach sei plötzlich alles „super“.
Das ist ein Miniaturparadigma deutscher Digitalpolitik:
- Erst blockieren
- Dann selbst nutzen
- Dann begeistert sein
Digitalisierung gelingt in Deutschland nicht, weil sie sinnvoll ist, sondern weil die Institution, die sie verhindert, irgendwann selbst davon profitiert.
Das ist kein Fortschritt. Das ist ein strukturelles Problem.
5. Was der Artikel unfreiwillig offenbart
Liest man ihn analytisch, zeigt er:
- Deutschland hat keine Digitalstrategie, sondern Digitalrituale.
- Man verwechselt Features mit Infrastruktur.
- Man verwechselt Kommunikation mit Digitalisierung.
- Man hat keine Investitionslogik.
- Man hat keine Governance.
Und:
Man hält die ePA für reparierbar, obwohl sie ein Fossil ist.
6. Ein Schluss, der leider nicht satirisch ist
Man könnte den Univadis‑Artikel als harmlosen Überblick abtun – wäre er nicht so exemplarisch für die deutsche Digitalisierungsdebatte. Dass ein Innovationsfondsprojekt (!) ernsthaft zu dem Ergebnis kommt, Digitalisierung brauche Nutzen, Investitionen und Rahmenbedingungen, wäre in Dänemark oder Estland ungefähr so berichtenswert wie die Feststellung, dass Wasser bergab fließt.
Doch hierzulande wird es als Erkenntnisgewinn präsentiert. Und das in einem der größten medizinischen Fachportale, das durchaus meinungsbildend wirkt. Man fragt sich unwillkürlich, ob die Ärzteschaft wirklich glaubt, dass die ePA durch einen integrierten Impfausweis plötzlich vom Fossil zur Zukunftstechnologie mutiert – oder ob man sich einfach an den Gedanken gewöhnt hat, dass Digitalisierung in Deutschland immer so aussieht: ein bisschen Symbolpolitik, ein bisschen Technikglanz, und darunter eine Infrastruktur, die schon beim Einschalten knirscht.
Dass man dafür ein Innovationsprojekt braucht, ist fast schon poetisch. Es zeigt, wie tief die strukturelle Blindheit sitzt. Und wie sehr man sich hierzulande daran gewöhnt hat, Digitalisierung als eine Art politisches Stimmungsbild zu behandeln – nicht als Infrastrukturaufgabe, die Register, Datenmodelle, Governance und Investitionslogik erfordert.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe:
Während andere Länder Digitalisierung machen, erforscht Deutschland, warum sie nicht funktioniert. Und kommt dann zu Ergebnissen, die jeder Praktiker seit zwanzig Jahren kennt.
Aber gut – vielleicht wird ja das nächste Innovationsprojekt herausfinden, dass man für eine funktionierende Digitalisierung auch funktionierende Grundlagen braucht. Und wer weiß: Vielleicht entdeckt man dann sogar, dass ein Impfausweis ohne Impfregister ungefähr so digital ist wie ein laminiertes Dokument.
Man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben. In Deutschland gehört das schließlich auch zur Digitalstrategie.
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