Eine neue Homöopathie-Studie zur homöopathieärztlichen Betreuung von Säuglingen (!) vom Dezember 2024 war schon wieder einmal auf dem besten Wege, als „Durchbruch in der Homöopathieforschung“ gefeiert zu werden. Veröffentlicht nicht in einem homöopathischen Nischenblatt, sondern in einem seriösen pädiatrischen Journal, dem European Journal of Pediatrics – also genau dort, wo man sich wissenschaftliches Renommee erhofft. Man allerdings auch dem Blick der nicht homöopathisch orientierten Community ausgesetzt ist. Aber fürs Renommee kann man es ja mal versuchen …

Screenshot: Pubmed / NCBI

Methodisch war die Arbeit allerdings ein ziemliches Durcheinander. Wer etwas genauer hinsah, konnte sich die Aufregung sparen.

Und nun – eingentlich sogar erstaunlich schnell – ist die Studie bereits zurückgezogen worden. Nach massiven Einwänden, die dem Journal mitgeteilt wurden.

Unsere Kollegen vom Committee for Skeptical Inquiry in den USA haben die Hintergründe in einem Artikel im Skeptical Inquirer sauber aufgearbeitet:
👉 Extraordinary Claims: The Homeopathy Paper That Duped a Mainstream Journal

Besonders interessant ist der Kontext: Die Studie stammt aus Indien, und im Hintergrund steht – wenig überraschend – die staatliche Behörde Ministry of AYUSH, die seit Jahren versucht, Homöopathie und andere traditionelle Verfahren politisch aufzuwerten. Das erinnert nicht zufällig an die systematische Produktion fragwürdiger Akupunkturstudien in China. AYUSH steht, das soll nicht unerwähnt bleiben, dabei in einer Dauerfehde mit dem „echten“ indischen Gesundheitsministerium, wird aber von der Regierung stark protegiert.


So weit, so immerhin gut. Ein Detail bei dieser Studie ist bislang weitgehend unter dem Radar geblieben: Hier wurde offenbar homöopathische Prophylaxe „untersucht“. Das erkennt man am Outcome – gezählt wurde, wie viele Kinder in den jeweiligen Gruppen während der Beobachtungszeit (24 Monate) erkrankt waren. Für diesen Zeitraum wurden zwei Gruppen entweder homöopathisch oder konventionell ärztlich durchgängig grundversorgt (primary care). Die großen methodischen Probleme eines solchen Designs wollen wir hier nicht näher erörtern. Uns geht es hier um das „schwarze Loch“ dieser und auch anderer Homöopathiestudien: die Prophylaxe. Dieser Punkt geht in der in der Tat systematisch vielfach unter – selbst in Kreisen, die sich als besonders traditionsbewusst in Hahnemanns Nachfolge verstehen.

Das Problem ist also nicht nur empirischer Natur, sondern logisch-systematisch.

Prophylaxe im Widerspruch zur klassischen Homöopathie

Nach klassischer Lehre wirkt ein homöopathisches Arzneimittel, indem es eine bereits „verstimmte Lebenskraft“ in eine regulierende Reaktion bringt. Ohne bestehende Verstimmung gibt es – innerhalb dieses Modells – nichts zu heilen.

Wird ein Mittel einem Gesunden verabreicht, dann handelt es sich definitionsgemäß um eine Arzneimittelprüfung: Es sollen Symptome erzeugt werden, nicht verhindert. Genau darauf basiert das Prüfungsprinzip seit Hahnemann.

Eine echte Prophylaxe – also das Verhindern einer Erkrankung bei Gesunden – ist in diesem System konzeptionell nicht vorgesehen.

Wenn also Studien das Outcome „Erkrankung ja/nein“ am Ende einer Beobachtungszeit messen, untersuchen sie implizit eine präventive Intervention. Das ist kein Randdetail, sondern eine fundamentale Verschiebung des Modells.


Der wiederkehrende Konstruktionsfehler

Genau dieser Punkt wird regelmäßig übersehen – selbst in Projekten mit institutionellem Rahmen.

Ein Beispiel ist die im Auftrag des Bayerischen Landtages projektierte Untersuchung zur „Antibiotikavermeidung durch Homöopathie“ an der Technischen Universität München. Unabhängig davon, dass das Projekt letztlich mangels ausreichender Probandinnen nicht durchgeführt wurde, lag im Design bereits dieselbe konzeptionelle Fehlleistung:

  • Es sollte geprüft werden, ob homöopathische Behandlung bei Infekten Antibiotikaeinsatz reduziert.
  • Implizit wird damit eine präventive bzw. verlaufsmodifizierende Wirkung bei noch nicht schwerer Erkrankung angenommen.

Auch hier stellt sich die Frage:
Handelt es sich um eine klassische individualisierte Therapie bei manifester „Verstimmung“ – oder um eine funktionelle Intervention mit präventivem Anspruch . ein nicht näher definiertes „Irgendwas“?

Diese Unterscheidung ist nicht akademisch, sondern systemrelevant.

Warum das so selten thematisiert wird

Dafür gibt es mehrere Gründe:

  1. Studienlogik folgt moderner Biomedizin.
    Randomisierte Designs denken in Inzidenzen, Risikoreduktionen und Endpunkten – nicht in Lebenskraft-Konzepten.
  2. Homöopathie wird im Studiendesign pragmatisch umdefiniert.
    Sie wird faktisch wie eine pharmakologische Intervention behandelt.
  3. Die Binnenlogik wird ausgeblendet.
    Viele Autoren argumentieren gleichzeitig traditionsgebunden und pragmatisch-biomedizinisch – ohne die Inkonsistenz offen zu adressieren.

Was keineswegs heißt, dass keine randomisierten verblindeten Studien zu individualisierter Homöopathe durchgeführt werden können – natürlich können sie das und es gibt sie auch. Aber allzu oft kommt es zu nicht realiserten Konflikten mit den homöopathischen Systemgrundlagen – vorzugsweise im Falle der Prophylaxe.

Das eigentliche Argument

Der Punkt ist nicht, dass Prophylaxestudien „schlecht“ seien.
Der Punkt ist, dass sie – wenn sie positive Effekte behaupten – entweder

  • der klassischen Homöopathie widersprechen
    oder
  • stillschweigend ein anderes Wirkmodell unterstellen.

Beides wird selten offen ausgesprochen.

Dieser Denkfehler ist keineswegs auf staatlich geförderte Programme wie das indische Ministry of AYUSH beschränkt. Man findet ihn regelmäßig auch in kleineren homöopathischen Fachpublikationen – sogar in Aufsätzen, die sich ausdrücklich mit Studiendesigns für die Homöopathie beschäftigen.

Dort wird eifrig diskutiert, wie man randomisierte Designs „homöopathiegerecht“ gestalten könne. Doch die fundamentale Frage bleibt oft ungestellt: Ist das, was hier gemessen wird, überhaupt kompatibel mit dem eigenen Wirkmodell?

Das Problem ist nicht schlechte Statistik. Es ist ein Kategorienfehler.

Warum das kaum thematisiert wird

Der Grund ist vermutlich einfach: Moderne Studien sprechen die Sprache der Evidenzbasierung. Wer im wissenschaftlichen Diskurs mitreden will, übernimmt deren Kategorien.

Doch damit verschiebt sich das Wirkmodell stillschweigend.

Viele Homöopathen argumentieren gleichzeitig traditionsgebunden und pragmatisch-biomedizinisch. Kritik konzentriert sich häufig auf Effektgrößen oder statistische Robustheit – seltener auf die innere Konsistenz des Modells selbst. So bleibt ein fundamentaler Widerspruch unbeachtet.

Der immer wiederkehrende Versuch, Homöopathie als präventive Intervention in randomisierten Designs zu prüfen, ist daher nicht nur empirisch fragwürdig. Er ist konzeptionell inkonsistent.

Wer eine Risikoreduktion bei Gesunden misst, untersucht keine klassische Homöopathie mehr – sondern eine biomedizinisch gedachte Intervention unter homöopathischem Etikett.

Und wer zugleich an der traditionellen Lehre festhalten will, muss akzeptieren, dass Prävention in diesem Modell keinen Platz hat. Solange dieser Widerspruch nicht offen benannt wird, bleibt jede „Prophylaxe-Studie“ zur Homöopathie nicht nur wissenschaftlich problematisch, sondern systemisch selbstwidersprüchlich.

Mit anderen Worten:
Entweder gilt Hahnemann – oder es gilt die moderne Präventionslogik.
Beides zugleich geht nicht.