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Wie falsche Anreize Liquidität umlenken – und Krisen begünstigen

In der wirtschaftspolitischen Debatte wird angebotsorientierte Politik häufig als harmlos oder zumindest risikoarm dargestellt. Steuererleichterungen, Abschreibungsmöglichkeiten und pauschale Investitionsanreize gelten als Mittel, um Wachstum „anzuschieben“. Bleibt dieses Wachstum aus, wird der Misserfolg meist individualisiert: Unternehmen seien zu zögerlich, Arbeitnehmer nicht leistungsbereit genug, Märkte zu träge.

Was dabei systematisch übersehen wird: Angebotsanreize wirken nicht im luftleeren Raum. In entwickelten Volkswirtschaften stoßen sie auf eine Realität, in der Kapital in der Regel nicht knapp ist – profitable reale Investitionsmöglichkeiten aber schon.

Kapitalmangel ist selten das Problem

Darauf haben Ökonomen wie Paul Krugman und – aus einer anderen Perspektive – Thomas Piketty immer wieder hingewiesen:
In reifen Volkswirtschaften liegt das Wachstumshemmnis nicht primär auf der Angebotsseite des Kapitals, sondern auf der Nachfrageseite der Märkte.

Wenn Absatzperspektiven fehlen, helfen zusätzliche Liquidität oder steuerliche Entlastungen nicht weiter. Unternehmen verzichten nicht deshalb auf Investitionen, weil ihnen Geld fehlt, sondern weil sie keine ausreichende Renditeerwartung für reale Investitionen sehen. Das ist kein Versagen, sondern rationales Verhalten.

Was passiert mit überschüssiger Liquidität?

Wird in einer solchen Situation dennoch massiv Liquidität in die Angebotsseite gepumpt – etwa durch Steuersenkungen oder pauschale Förderinstrumente –, entsteht ein Liquiditätsüberschuss, der realwirtschaftlich nicht gebunden werden kann.

Für Finanzvorstände ist das kein neutraler Zustand. Kapital, das nicht investiert wird, muss erklärt, bilanziert und verwertet werden. Die logische Konsequenz lautet daher:

Wenn nicht real investiert wird, wird finanziell investiert.

Das bedeutet:

  • Kapital fließt in Finanzanlagen,
  • in Beteiligungen, Fonds, strukturierte Produkte,
  • in Immobilienmärkte oder internationale Kapitalströme.

Nicht aus Spekulationslust, sondern aus systemischem Zwang zur Verwertung.

Liquidität sucht Rendite – und findet Risiko

Hier entsteht der kritische Übergang.
Wenn viel Kapital gleichzeitig nach Anlagemöglichkeiten sucht, während sichere und produktive Investitionsfelder begrenzt sind, reagiert der Finanzmarkt nicht mit Zurückhaltung, sondern mit Innovation – oft in problematischer Form. Ironischerweise ist dies ein klassischer nachfragegetriebener Mechanismus, die Angebotsseite reagiert und wird innovativ – ob zu aller Segen, ist eine andere Sache.

Es entstehen:

  • komplexe Finanzprodukte,
  • scheinbar diversifizierte Risikomodelle,
  • Konstruktionen, deren Stabilität auf Annahmen beruht, nicht auf realwirtschaftlicher Substanz.

Historisch ist dieses Muster gut belegt. Die globale Finanzkrise ab 2007 war kein zufälliger Schock, sondern das Ergebnis einer längeren Phase, in der überschüssige Liquidität nach Rendite suchte, während die reale Nachfrageentwicklung hinterherhinkte.

Die ordnungspolitische Verkehrung

Damit zeigt sich eine bemerkenswerte Perversität der aktuellen Wirtschaftspolitik:

  • Nachfragepolitik wird verweigert oder delegitimiert,
  • Angebotsanreize erzeugen Liquiditätsüberschüsse,
  • diese Überschüsse drängen in den Finanzmarkt,
  • der Finanzmarkt destabilisiert sich,
  • und am Ende muss der Staat intervenieren.

Was als „marktkonforme“ Politik beginnt, endet also unter Umständen in staatlichen Rettungsaktionen.

Das eigentliche Problem ist also nicht der Finanzmarkt allein, sondern die fehlende Verzahnung von Real- und Nachfragepolitik.

Angebotspolitik ohne Nachfrage ist nicht neutral

Angebotsorientierte Maßnahmen werden oft als vorsichtig oder verantwortungsvoll dargestellt. In Wahrheit sind sie es nur unter einer Voraussetzung: dass ausreichend Nachfrage existiert, um reale Investitionen zu tragen.

Fehlt diese Voraussetzung, sind solche Maßnahmen nicht wirkungslos, sondern umlenkend. Sie verschieben Kapitalströme weg von der Realwirtschaft und erhöhen systemische Risiken im Finanzsektor.

Oder zugespitzt formuliert:

Wer Nachfrage blockiert und Kapital freisetzt, darf sich über Finanzblasen nicht wundern.


Eine Wirtschaftspolitik, die Konjunkturprobleme primär auf der Angebotsseite zu lösen versucht, verkennt nicht nur die Ursachen der Wachstumsschwäche. Sie trägt auch dazu bei, finanzielle Instabilität zu erzeugen, die später als „externe Krise“ erscheint.

In diesem Sinne sind Finanzkrisen oft weniger das Ergebnis von Gier oder Fehlverhalten – als vielmehr die Spätfolgen einer falsch verstandenen Angebotspolitik.