
Warum symbolische Vermögen keine Zukunft finanzieren
Endlich mal ein Lichtblick ökonomischen Denkens in den Medien. Der SPIEGEL berichtet über die Absicht verschiedener Zetnralbanken – so auch der Bundesbank – ihr Goldvermögen oder Teile davon aus den Tresoren der FED „nach Hause zu holen“. Die Pointe, bei der ich dem SPIEGEL-Autor völlig zustimme ist: Wozu? Verkauft den Kram doch endlich!
Wie komme ich darauf?
In wirtschaftlich unsicheren Zeiten erleben alte Wertversprechen regelmäßig ihre Renaissance. Gold gilt dann als „sicherer Hafen“, Diamanten als „bleibender Wert“. Beides verbindet eine gemeinsame Vorstellung: dass es Vermögensformen gebe, die unabhängig von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ihren Wert bewahren.
Diese Vorstellung ist tief verankert – und sie ist falsch.
Gold: Vom Währungsanker zur symbolischen Reserve
Gold spielt in modernen Geldsystemen keine operative Rolle mehr. Seit dem Ende fester Wechselkurse (Bretton Woods-System, 1973) dient es weder der Währungsdeckung noch der geldpolitischen Steuerung. Zentralbanken sichern Stabilität heute über Zinsen, Liquidität, Regulierung und Vertrauen – nicht über Metall.
Dass etwa die Bundesbank dennoch erhebliche Goldreserven hält, ist historisch erklärbar, aber ökonomisch kaum begründbar. Gold liegt im Tresor, verursacht Kosten, bindet Kapital – und erfüllt vor allem eine symbolische Funktion: Es soll Sicherheit signalisieren.
Doch Symbolik ersetzt keine Investition.
Ein geordneter, langfristiger Abverkauf eines Teils dieser Bestände würde keinen geldpolitischen Schaden verursachen, wohl aber reale Spielräume eröffnen. Der realisierbare Buchgewinn wäre erheblich. Und der gesellschaftliche Nutzen einer Reinvestition in Bildung, Infrastruktur oder Daseinsvorsorge stünde in keinem Verhältnis zu einem Haufen unproduktiver Barren.
Diamanten: Die entzauberte Preziose
Was bei Gold noch emotional verteidigt wird, ist bei Diamanten bereits sichtbar zerbrochen. Über Jahrzehnte galt der Diamant als Inbegriff von Seltenheit und Werthaltigkeit. Tatsächlich beruhte dieser Ruf weniger auf Geologie als auf Marketing.
Ein einzelnes Unternehmen – De Beers – kontrollierte über mehr als ein Jahrhundert große Teile des Marktes, drosselte gezielt Angebot und schuf künstliche Knappheit. Parallel dazu wurde ein kulturelles Ritual erfunden und global verbreitet: der Diamant-Verlobungsring als angeblich zeitlose Tradition. Vielleicht die erfolgreichste Werbekampagne aller Zeiten.
Das Ergebnis war ein stabiler Mythos – kein stabiler Wert.
Heute zeigt sich die Realität:
- Diamanten sind geologisch nicht selten.
- Der Zweitmarkt ist schwach.
- Schätzungen und Wiederverkauf führen oft zu ernüchternden Ergebnissen.
- Synthetische Diamanten untergraben zusätzlich das Knappheitsnarrativ.
Der Markt wackelt, weil die Illusion nicht mehr trägt.
Die gemeinsame Struktur der Illusion
Gold und Diamanten eint nicht ihre physische Beschaffenheit, sondern ihre soziale Konstruktion als Wert. Beide leben von:
- Knappheitsnarrativen,
- kultureller Aufladung,
- dem Versprechen zeitloser Sicherheit.
Doch Wert entsteht nicht aus Material, sondern aus Verwendbarkeit.
Aus Nachfrage. Aus gesellschaftlichem Nutzen.
Ein Vermögenswert, der nichts produziert, nichts stabilisiert und nichts ermöglicht, ist kein Fundament – er ist ein Relikt.
Symbolisches Vermögen versus reales Kapital
In einer Gesellschaft mit maroden Schulen, überlasteten Verkehrswegen, Investitionsstau in Kommunen, sozialer Erosion, wirkt das Festhalten an symbolischem Vermögen zunehmend fehl am Platz.
Gold im Tresor mag beruhigen.
Aber es:
- bildet keine Fachkräfte aus,
- repariert keine Brücken,
- stärkt keine Binnenwirtschaft,
- sichert keine Zukunft.
Der Kontrast ist hart, aber notwendig:
Reales Kapital schafft reale Stabilität – symbolisches Vermögen schafft nur Gefühle.
Warum diese Debatte so schwerfällt
Der Abschied von Gold- und Wertmythen ist nicht ökonomisch schwierig, sondern kulturell. Er rührt an tief sitzende Vorstellungen von Sicherheit, Dauer und Ordnung. Doch genau deshalb ist er überfällig.
Die Diamanten-Illusion beginnt zu bröckeln, weil ihre materielle Grundlage sichtbar wird. Beim Gold hält sich der Mythos länger – vor allem, weil er institutionell gepflegt wird.
Das macht ihn nicht richtiger.
Gold und Diamanten erzählen dieselbe Geschichte: die Sehnsucht nach einem Wert, der unabhängig von Gesellschaft existiert. Diese Sehnsucht ist verständlich – aber sie ist eine Illusion.
Eine moderne Wirtschaft braucht keine Tresore voller Symbole.
Sie braucht funktionierende Schulen, Verkehrswege, soziale Sicherheit und Investitionen in die Zukunft.
Oder zugespitzt:
Wert, der nicht arbeitet, schützt nicht – er bindet nur Ressourcen.
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