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Wie der deutsche Exportfetisch Nachfrage zerstört, Sozialkassen aushöhlt und Abhängigkeiten schafft

Über Jahre galt er als Ausweis wirtschaftlicher Stärke: der deutsche Exportüberschuss. „Exportweltmeister“ wurde gefeiert wie ein Gütesiegel, ein Beleg für Leistungsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Vernunft. Wer Zweifel anmeldete, galt als weltfremd oder neidisch auf den Erfolg.

Heute, in einer Phase offener ökonomischer und geopolitischer Spannungen, zeigt sich immer deutlicher: Der Exportfetisch war kein Erfolgsmodell, sondern eine strukturelle Fehlsteuerung – mit sozialen, fiskalischen und politischen Folgekosten, die lange verdrängt wurden.

Was ein Exportüberschuss wirklich bedeutet

Ein Exportüberschuss heißt nicht, dass ein Land „reicher wird“. Er bedeutet buchhalterisch schlicht:

Ein Land produziert mehr, als es selbst nachfragt – und gibt den Überschuss auf Kredit ab.

Denn Leistungsbilanzüberschüsse schlagen zwingend in Kapitalexporte um:

  • Forderungen gegenüber dem Ausland,
  • Anleihen, Beteiligungen,
  • Staats- und Unternehmenspapiere.

Der reale Wohlstand – Güter, Dienstleistungen, Wertschöpfung – verlässt das Land.
Zurück bleiben finanzielle Ansprüche, also Versprechen auf zukünftige Rückzahlungen.

Oder anders gesagt:

Exportüberschüsse sind ausgelagerte Nachfrage.

Warum wir „Gläubiger“ anderer Länder sind

Dass Deutschland und Europa große Bestände ausländischer Staatsanleihen halten – etwa aus den USA – ist keine strategische Meisterleistung, sondern eine mechanische Folge der Überschüsse.

Die Kette ist simpel:

  1. Überschüsse erzeugen Devisen
  2. Devisen müssen angelegt werden
  3. Sichere Anlagen sind begrenzt
  4. Also fließt Kapital in große, liquide Märkte

Niemand „finanziert“ andere Länder aus Großzügigkeit.
Man findet schlicht keinen produktiven Einsatz im Inland.

Wenn Politiker wie Donald Trump daraus den Vorwurf konstruieren, die USA würden „ausgenommen“, ist das politisch verwertbar, ökonomisch aber irreführend: Die USA konsumieren reale Güter – Europa liefert sie auf Kredit und akzeptiert Forderungen.

Der Preis wird im Inland gezahlt

Der eigentliche Schaden des Exportmodells zeigt sich nicht in den Außenbilanzen, sondern in der Binnenwirtschaft.

1. Lohnzurückhaltung als Systembedingung

Exportüberschüsse setzen Wettbewerbsfähigkeit voraus. In Deutschland bedeutete das über Jahre:

  • gedämpfte Reallöhne,
  • schwache Binnennachfrage,
  • geringe Konsumdynamik.

Das war kein Unfall, sondern Teil der Strategie.

2. Aushöhlung der Sozialkassen

Wenn Wertschöpfung nicht in Löhne fließt, fehlen:

  • Beiträge zur Rentenversicherung,
  • Einnahmen der Kranken- und Pflegekassen,
  • Steuereinnahmen aus Arbeitseinkommen.

Exportüberschüsse gehen damit direkt zulasten der sozialen Sicherungssysteme.

3. Entstehung einer strukturellen Armutsbasis

Ein schwacher Binnenmarkt bedeutet:

  • wenig dienstleistungsgetriebenes Wachstum,
  • prekäre Beschäftigung,
  • geringe soziale Aufstiegschancen.

Das Ergebnis ist ein paradoxes Bild:

Ein hochproduktives Land mit wachsender Armutsanfälligkeit.

Abhängigkeit statt Stärke

Das Exportmodell funktionierte nur unter sehr speziellen globalen Bedingungen:

  • offene Weltmärkte,
  • stabile geopolitische Ordnung,
  • hohe Nachfrage aus Defizitländern,
  • niedrige Zinsen.

Diese Bedingungen lösen sich gerade auf.

Damit wird sichtbar, was lange überdeckt war:

Exportüberschüsse schaffen keine Souveränität, sondern Abhängigkeit von fremder Nachfrage.

Wer seine eigene Nachfrage schwächt, macht sich abhängig von der Nachfrage anderer – und wundert sich später über politische Erpressbarkeit, Handelskonflikte und finanzielle Instabilität.


Der zentrale Denkfehler

Der grundlegende Irrtum des Exportfetischs lautet:

„Was für ein Unternehmen sinnvoll ist, ist auch für eine Volkswirtschaft richtig.“

Das stimmt nicht.

Unternehmen können Überschüsse erzielen, ohne sich selbst zu schaden.
Volkswirtschaften können das nicht dauerhaft, ohne ihre innere Balance zu zerstören.

Was fehlt, ist die Einsicht:

Nachfrage ist kein Nebenprodukt von Exporten, sondern eine eigenständige wirtschaftspolitische Aufgabe.


Schluss

Der deutsche Exportüberschuss war kein Zeichen überlegener Wirtschaftspolitik, sondern Ausdruck einer systematischen Unterbewertung der Binnenwirtschaft. Er hat Nachfrage ausgelagert, Löhne gedrückt, Sozialkassen geschwächt und Abhängigkeiten aufgebaut, die heute offen zutage treten.

Was jetzt als „Krise“ erscheint, ist keine plötzliche Fehlentwicklung.
Es ist die Spätfolge eines Modells, das zu lange gefeiert wurde, statt es kritisch zu prüfen. Und das, wo früher das Ziel eines gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts ausdrücklich gesetzlich fixiert war – im Stabilitätsgesetz von 1967, damals gemeinsam getragen von SPD und Union.

Oder in einem Satz:

Wir haben Wohlstand exportiert, Forderungen importiert – und wundern uns nun über soziale Erosion im eigenen Land.