Was in Berlin gerade passiert, wäre in jeder ordentlich geführten Verwaltung ein Routinefall für die Compliance‑Stelle gewesen. Stattdessen produziert die Senatskanzlei ein öffentliches Drama – und beschädigt damit ausgerechnet jene, die helfen wollen.

Bild von Gideon Putra auf Pixabay

Die Berliner Kaffeewette und die unbekannte Dame namens Compliance

Es gibt Vorgänge, bei denen man sich fragt, ob in einer Senatskanzlei eigentlich irgendjemand sitzt, der in der Lage ist, eine Problemlage zunächst einmal fachlich zu betrachten, bevor man öffentlich Alarm schlägt. Die jüngste Berliner Episode um die sogenannte „Kaffeewette“ gehört zweifellos in diese Kategorie.

Seit 2019 sammeln die Berliner Bezirke im Winter Kaffeepäckchen für die Kältehilfe. Eine einfache, bürgernahe Aktion, die niemandem schadet und vielen hilft. Ergänzt wird sie durch einen Zusammenschluss Berliner Unternehmer, die ab einer bestimmten Sammelmenge 2.500 Euro pro Bezirk oben drauflegen. Ein klassisches Beispiel für lokales Engagement, das funktioniert, weil es unkompliziert ist.

Und nun, im Jahr 2026, fällt der Senatskanzlei plötzlich ein, dass hier möglicherweise „Korruptionsgefahr“ drohe. Es fallen Begriffe wie „Vorteilsnahme“ und „Käuflichkeit“ – letzterer fachlich ohnehin unpassend. Man fragt sich unwillkürlich, ob der Verdacht lautet, Senatsmitarbeiter würden Kaffeepäckchen für sich abzweigen. Vermutlich nicht. Eher schwingt der Vorwurf der „Schleichwerbung“ mit, oder die diffuse Angst, ein Unternehmer könne sich mit einer Spende politischen Einfluss erkaufen.

Was ist dazu zu sagen?
Vor allem dies: Jeder halbwegs ordentlich geführte öffentliche Bereich hat klare Compliance‑Regeln, die Sponsoring, Spenden und Kooperationen definieren. Und zwar so, dass man solche Fälle prüfen, bewerten und freigeben kann. Das ist Routine. Das ist Verwaltungshandwerk. Das ist nichts, wovor man zurückschrecken müsste.

Hätte bei uns im Rathaus der Oberbürgermeister Bedenken gehabt, wäre der Vorgang zunächst auf meinem Tisch oder dem meines Kollegen gelandet. Wir hätten die Sache anhand der geltenden Regeln geprüft, die Risiken bewertet, die Transparenzanforderungen abgeglichen – und dann eine Rückmeldung gegeben. Fertig.
Kein Drama, kein Alarmismus, kein öffentlicher Aufschrei.

In Berlin hingegen entsteht der Eindruck, dass man entweder keine funktionierenden Regeln hat oder sie nicht kennt. Anders lässt sich kaum erklären, warum eine seit Jahren laufende, unproblematische Aktion plötzlich unter Generalverdacht gestellt wird. Und das auch noch öffentlich, mit maximaler Irritation für alle Beteiligten.

Die Folgen sind absehbar:
Man verprellt engagierte Unternehmer, die sich künftig zweimal überlegen, ob sie sich noch beteiligen. Man verunsichert Bürgerinnen und Bürger, die sich fragen, warum ausgerechnet eine Kaffeepäckchenspende ein Risiko darstellen soll. Und man liefert den notorischen Politikverdrossenen eine Steilvorlage:
„Ma wieda die da oben. Machen een Affenzirkus aus ner Kaffeespende, die keenem weh tut.“

Das alles wäre vermeidbar gewesen.
Mit einem Blick in die eigenen Regeln, mit einem Gespräch zwischen Senatskanzlei und Bezirken, mit einem Minimum an fachlicher Kompetenz.

Stattdessen hat man eine völlig unnötige Geschichte produziert, die weder der Verwaltung noch der Politik – ein Schelm, wer dabei an den tennisspielenden Regierenden Bürgermeister denkt – noch der Kältehilfe hilft. Und die am Ende nur eines zeigt: Politische Dummheit ist oft weniger ein Mangel an Intelligenz als ein Mangel an Professionalität.