Es gibt Begegnungen, die einem mehr über die Gegenwart verraten als jede Statistik. Vor kurzem traf ich zwei ausgesprochen sympathische Menschen, die – wie sich schnell zeigte – ein bemerkenswert enges Verhältnis zu ihrer Ernährung pflegen. Nicht im Sinne von Genuss oder Kultur, sondern im Sinne von Selbstoptimierung. Alles wurde gezählt: Proteine, Kalorien, Ballaststoffe. Fleisch war tabu, Nahrungsergänzungsmittel ebenfalls – denn „natürlich“ müsse es sein. Der milde Hinweis, dass der Mensch ein Omnivore ist und Vitamin B12 nicht auf Bäumen wächst, löste eher Abwehr als Neugier aus.

Missionarisch waren sie nicht. Im Gegenteil: höflich, interessiert, offen. Aber zugleich vollständig gefangen in einem System von Regeln, das ihnen Halt gibt – und das sie mit ihrem Freundeskreis intensiv pflegen. Ein sozialer Mikrokosmos, in dem Ernährung nicht nur Nahrungsaufnahme ist, sondern Identität. Und Identität verlangt Konformität.
Man kennt dieses Muster aus vielen Bereichen: Wenn die Welt unübersichtlich wird, sucht man nach festen Koordinaten. Ernährung eignet sich dafür besonders gut. Sie ist alltäglich, kontrollierbar, moralisch aufladbar. „Natürlichkeit“ wird zum Zauberwort, obwohl es biologisch kaum etwas Unnatürlicheres gibt als eine streng supplementfreie vegane Ernährung. Aber Mythen sind oft stabiler als Fakten.
Auf die Frage nach meiner eigenen Ernährungsphilosophie antwortete ich mit einem Satz, der in solchen Kreisen fast schon provokativ wirkt: „Nicht zu viel, ausgewogen, wenig Fleisch, wenig Süßes.“ Ein Satz, den ich einmal von Martin Smollich, Ernährungswissenschaftler an der Uni Lübeck, hörte, der davor warnte, Essen zu pathologisieren. Ein kluger Hinweis, denn genau das geschieht derzeit massenhaft: Essen wird nicht mehr als Teil des Lebens verstanden, sondern als Prüfstein der eigenen Tugend.
Die Industrie hat diesen Trend längst entdeckt. Sie verkauft „optimale Ernährung“, „Clean Eating“, „Functional Food“ und allerlei Wundermittel, die angeblich das leisten, was normale Lebensmittel nicht mehr können. Ein Milliardenmarkt, der paradoxerweise von Menschen lebt, die hochverarbeitete Produkte für gefährlich halten.
Die beiden von gestern Abend sind keine Fanatiker. Sie sind Ausdruck eines Zeitgeistes, der Gesundheit mit Moral verwechselt und Natürlichkeit mit Wahrheit. Und sie haben – ohne es zu ahnen – gezeigt, wie schmal der Grat ist zwischen Selbstfürsorge und Selbstfesselung.
Vielleicht war es gut, dass sie gestern einmal eine andere Stimme hörten. Nicht, um sie zu bekehren, sondern um ihnen zu zeigen, dass man auch ohne Ernährungsreligion ganz gut durchs Leben kommt.
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