Über Wissenschaft, (Pseudo-)Medizin, Aufklärung, Humanismus und den Irrsinn des Alltags

Das Erlebnis, das keines ist

Neulich landete eine Werbemail von Uber Eats in meinem Postfach. Ich nutze den Dienst nicht, aber der Satz, mit dem man mich ködern wollte, war bemerkenswert:
„Ein Preisnachlass von 10 Euro macht Essen zu einem aufregenden Erlebnis.“

happy friends on camper van roof
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Man muss diesen Satz zweimal lesen, um seine ganze Absurdität zu würdigen. Ein Preisnachlass – ein Wort, das nach Buchhaltung riecht – soll ein aufregendes Erlebnis erzeugen. Zwei semantische Welten, die sich gegenseitig nicht einmal grüßen, werden hier mit Marketingkleber zusammengehalten. Heraus kommt ein Versprechen, das so künstlich wirkt wie die Plastikdekoration in einem Fast‑Food‑Restaurant.

Es ist ein schönes Beispiel für einen Trend, der längst alle Bereiche des Alltags erfasst hat: Alles muss ein Erlebnis sein.
Einkaufen, Essen, Paketabholen, Stromtarife, Versicherungen. Selbst der Gang in den Supermarkt – für viele eine lästige Pflichtübung – wird inzwischen als „Shopping Experience“ verkauft. Als ginge es nicht darum, Milch und Nudeln zu kaufen, sondern um eine spirituelle Erweckung zwischen Kühlregal und Kassenband.

Besonders irritierend wird es dort, wo die Realität dem Versprechen diametral widerspricht. Wenn man sich durch unübersichtliche Menüs klickt, Formulare dreimal ausfüllen muss, weil sie beim Absenden verschwinden, oder wenn ein Portal die elementarsten UX‑Grundsätze ignoriert – und am Ende erscheint die Frage, ob man sein „Einkaufserlebnis“ bewerten möchte.
In solchen Momenten fühlt man sich nicht ernst genommen, sondern eher wie ein Statist in einem schlecht geschriebenen Werbespot.

Die Werbesprache hat sich dabei von der Wirklichkeit vollständig gelöst. Sie kennt keine Normalität mehr, nur noch Steigerungsformen. Es gibt keine Mahlzeiten, sondern „Genussmomente“. Keine Rabatte, sondern „Erlebnisse“. Keine Kunden, sondern „Entdecker“. Und keine Produkte, sondern „Lösungen“. Die Sprache versucht, eine Welt zu erzeugen, in der jede Handlung – selbst die banalste – Bedeutung hat.

Vielleicht ist das der eigentliche Kern:
Wenn der Alltag immer mehr aus Routinen besteht, versucht die Werbung, ihm künstlich Glanz zu verleihen. Sie überhöht das Banale, weil sie nichts anderes hat. Und je leerer die Versprechen, desto größer die Worte.

Ich habe die Mail gelöscht. Nicht aus Empörung, sondern aus Müdigkeit.
Manchmal möchte man einfach nur etwas bestellen – ohne Erlebnis, ohne Pathos, ohne semantische Verrenkungen. Ein Preisnachlass von 10 Euro macht das nicht aufregender. Und das ist völlig in Ordnung.


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Wenn Essen zur Weltanschauung wird

  1. Carsten Ramsel

    Wenn ich selbst einkaufe, die Angebote beachte und (Trommelwirbel) selbst koche, ist das Erlebnis nicht aufregend? Dabei könnte ich im Supermarkt so viele verschiedene, neue Menschen kennenlernen. Danke, Udo, für einen heiteren Sonntag Morgen.

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